Impuls am Abend - Krankenschwester statt Superman

Vor einigen Tagen erschien in der Presse ein Bild des Streetart-Künstlers Banksy, das er zum Dank für das Personal des General Hospitals in Southampton gemalt hat.

Das Bild zeigt einen knienden Jungen, der mit der rechten Hand eine Puppe hochhält. Die Puppe trägt einen Umhang, ein Häubchen und einen Mundschutz, auf der Schürze vor der Brust ist ein rotes Kreuz zu sehen. Die Krankenschwester scheint mit ausgebreiteten Armen zu schweben -  wie Batman. In einem Abfallkorb sieht man eine Batman- und eine Spiderman-Figur. Superman hat ausgedient, die Krankenschwester ist die neue Superheldin.

Ich sehe in diesem Bild unsere Situation. Wir haben uns in der Gesellschaft sicher gefühlt. Wir haben auf die Qualität unseres Gesundheitssystems vertraut und geglaubt, dass es wirtschaftlich immer weiter bergauf gehen wird. Im Bild: Wie Superman hielten wir uns für unverwundbar und sicher.

Diese Sicherheit hat sich als trügerisch erwiesen. Das sich unkontrolliert ausbreitende Virus hat uns in Furcht und Panik versetzt. Dieser Schock hat viele erstaunliche Zeichen und Taten der Solidarität und des Füreinander ausgelöst. Er hat aber auch hilfloses Suchen nach Sicherheit, etwa durch Klopapier, hervorgerufen.

Das Virus zwingt uns einzusehen und zu akzeptieren, dass wir nicht sicher sein können, dass wir verwundbar, ja sterblich sind. Diese Erkenntnis unserer Begrenztheit und Endlichkeit sollten wir nicht überspielen oder verdrängen. Wir würden die Gelegenheit zur Besinnung auf tragende Werte und zu notwendigen Reformen verspielen. Wir sollten Spiderman und Batman im Abfallkorb lassen und die durch die Krankenschwester angedeuteten Ideale hochhalten.

Das schwarz-weiße Bild im Krankenhaus von Southampton ist nur an einer Stelle farbig: das Rote Kreuz auf der Brust der Schwester. Dieses leuchtende Kreuz erinnert mich an das Licht-Kreuz in der Agnes-Kapelle am Schonenberg, die zum im Diepenbrockstift gehört. Das Kreuz und sein Titel „Tod und Liebe“ deuten an, woraus wir angesichts des unausweichlichen Todes leben können. Die Liebe ist stärker als der Tod – das gilt für unsere Liebe. Gottes Liebe ist stärker – sie besiegt den Tod.

Das Vertrauen auf die unzerstörbare Liebe Gottes nimmt uns nicht unsere Unsicherheiten und Verwundungen, entlässt uns nicht aus der Pflicht solidarisch und pflegerisch miteinander umzugehen. Sie gibt uns aber die Kraft, in aller Unsicherheit und Bedrohung auszuhalten und uns in seiner Liebe geborgen zu wissen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich behütet und geborgen fühlen, und grüße Sie

Ihr Hans Döink 

Übrigens: Papst Franziskus wünscht sich die Kirche als eine pflegerische Einrichtung, wenn er sagt, dass die Kirche nicht Gerichtssaal, sondern Feldlazarett sein soll. Damit sind wir alle als (Kranken-)Schwestern und Brüder berufen.
Das Bild von Banksy ist unter dem Stichwort „Banksy - neues Bild – Krankenschwester als Superheldin“ zu finden.
Veröffentlicht: 10.05.2020