Impuls am Abend - "Das Leben ist eine Herrlichkeit"

„Madame, vergessen Sie nie: das Leben ist eine Herrlichkeit!“- diese Worte richtete der Dichter Rainer Maria Rilke an Madame Nanny-Wunderly, eine Vertraute – und zwar auf dem Sterbebett, gezeichnet von seiner schweren Krankheit.

Diese Aussage erinnert mich an eine meiner ersten Erfahrungen im Rahmen der Sterbebegleitung, die ich bei der Gruppe OMEGA machen konnte. Kurz vor 22.00 Uhr an einem Werktag stand ich vor dem Eingang eines Hauses, in dem eine schwerstkranke ältere Dame lebte, umsorgt von ihrer Schwiegertochter und ihrem Sohn. Die Schwiegertochter führte mich in die Wohnung ihrer Schwiegermutter, stellte mich vor und bat mich, meiner Ablösung gegen 2.00 Uhr selbst die Tür zu öffnen, damit der Hund – ein ziemlich „eindrucksvolles“ Exemplar – durch das Klingeln nicht anschlägt.

Ich hatte mir vorgestellt, am Bett einer schwerstkranken, vielleicht schlafenden Frau die nächsten Stunden zu verbringen – weit gefehlt. Die Dame saß in ihrem Wohnzimmer auf der Couch, dampfte eine Zigarette, vor sich ein Glas Cola und auf dem Tisch Knabbergebäck. Überraschung….

Ich will auch heute nicht behaupten, dass sie an dem Abend quietsch vergnügt war, aber wir hatten auch Spaß zusammen. Sie wollte unbedingt die „Tagesthemen“ gucken und wir diskutierten dann über Gott und die Welt. Über ihren eigenen Weg oder ihre Krankheit verlor sie kein Wort. Auch nicht, ob sie gerade Schmerzen hat. Ich habe aber auch nicht danach gefragt…

Als zwischendurch eine – nicht mehr glimmende –  Kippe auf den Teppich fiel, bestand sie darauf, diese selber mit einer Greifzange wieder aufzuheben. Irgendwann kam die Schwiegertochter und bereitete sie für den Schlaf vor. „Sie können da im Wohnzimmer sitzen bleiben; ist ja alles da. Saft oder Cola und das Knabberzeugs.“, beantwortete sie mein Angebot, mich an ihr Bett zu setzen. Ab und zu ging ich doch an die Schlafzimmertür und ich konnte ein leises Schnarchen vernehmen.

Gegen 1.45 Uhr ging ich zur Haustür, um auf die nächste Begleiterin zu warten. Sie verspätete sich, weil das Taxi nicht pünktlich war. Zusammen gingen wir in die Wohnung im ersten Stock und wir beide sahen, dass die Dame, die vor einer dreiviertel Stunde noch tief und fest schlief, in ihrem Schlafanzug und Bademantel in der Küche vor einem Eisbecher saß. „Ich bin wach geworden und hatte Lust auf Eis!“ …

Auch andere in der OMEGA-Gruppe haben ähnliches erlebt und es wurde auch die Frage gestellt, ob da eigentlich eine Begleitung überhaupt angebracht war. Da wurde mir deutlich, wie einseitig die eigenen Vorstellungen über einen sterbenden Menschen sein können. Diese Frau war sterbend – einige Tage später ist sie gestorben. Und ihre Angehörigen waren über die Begleitung nachts überaus dankbar.

Leben im Sterben – das Motto dieser ‚Woche für das Leben‘ erinnert mich an diese Begegnung. Und vielleicht hätte Frau N. den Satz von Rilke ebenfalls unterschrieben.

Klaus Brücks, Pastoralreferent

(Bild: Anne Kröger- Herzensqualitäten)
Veröffentlicht: 23.04.2021




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