Impuls am Abend - Spurensuche

Folgende Zeilen hat mir ein befreundeter Priester zugeschickt, der für eine Tageszeitung alle zwei Wochen eine Kolumne schreibt.
 
„Es ist einige Jahre her. Bei einem Klassentreffen kam ich mit einer Freundin aus Jugendtagen ins Gespräch. Sie interessierte sich, was ich in meinem Beruf als Pfarrer mache und wie ich lebe. Ihr Interesse gipfelte in der Frage: „Warum bist Du Dir sicher, dass es diesen Gott überhaupt gibt, um den sich in Deinem Beruf alles dreht?“
Die Freundin hat mit ihrer Frage den Kern getroffen: Was macht mich sicher, dass es Gott gibt? Ich frage mich selbst: Glaube ich an Gott, weil sonst meine Arbeits-Alltags-Routine keinen Sinn und Anlass hätte?
Für die Antwort musste ich eine Weile nachdenken und habe der Freundin dann von einem Ritual erzählt: Ganz regelmäßig, möglichst am Abend, nehme ich mir Zeit den Tag Revue passieren zu lassen. Dabei halte ich bewusst Ausschau nach den Momenten, Gesprächen, Begegnungen oder auch der Textzeile, bei oder in denen ich auch im Rückblick noch das Gefühl habe, da war mehr „drin“.
Über die Jahre, die ich das nun regelmäßig mache, hat sich eine Achtsamkeit für den Alltag entwickelt. Achtsamkeit für die Momente, in denen mir anderes entgegenkommt, als ich schon kannte. Und ich erlebe dabei: Ich werde täglich beschenkt, sei es mit einem ermunternden Lächeln in grauen regnerischen Januartagen, sei es mit einem prächtigen Sonnenaufgang, wunderbarer Musik, einem erhellenden, anregenden Artikel oder einfach einem guten Gespräch.
Es tut mir gut, am Abend eines Tages diese guten Momente noch einmal wahrzunehmen und zu sehen, es gibt sie wirklich – und es sind nicht wenige – die guten Momente im Alltag. Allerdings gilt auch, ich kann diese Momente nicht machen, ich kann sie nur achtsam aufnehmen und als Geschenk annehmen. Geschenk von wem?
Der „Schenkende“ dieser alltäglich guten Momente ist für mich Gott. Er streut in meinen Alltag die manchmal unscheinbaren, kurzen Augenblicke seiner liebevollen Gegenwart ein.
Von dieser Achtsamkeit für die Zeichen der Gegenwart Gottes in meinem Alltag habe ich der Freundin erzählt und ihr erklärt, diese Erfahrung machen mich sicher, dass es Gott gibt, nicht für mich allein – ich sei mir sicher, auch sie könne diese Spuren Gottes in ihrem Alltag entdecken.“
 
Für diese Gedanken danke ich Stefan Sühling, Pfarrer in der Pfarrei St. Nikolaus in Wesel.
Diese Gedanken schließen – wie ich meine – gut an den gestrigen Impuls an.
 
Rafael van Straelen
 
Veröffentlicht: 04.02.2021




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