Adventskalender - Weit offene Tore

Viele liturgische Texte der Adventszeit befassen sich mit der Verkündigung des Messias im Alten Testament und mit den Bildern, die für Jesus Christus verwendet werden. Eines dieser Bilder ist der Einzug eines Königs in das Heiligtum. Dieses Bild stammt aus dem 24. Psalm.
 
  1. Ein Psalm Davids. Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.
  2. Denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.
  3. Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
  4. Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt und keinen trügerischen Eid geschworen hat.
  5. Er wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.
  6. Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, die dein Angesicht suchen, Jakob, Sela!
  7. Ihr Tore, hebt eure Häupter, hebt euch, ihr uralten Pforten, denn es kommt der König der Herrlichkeit!
  8. Wer ist dieser König der Herrlichkeit? Der HERR, stark und gewaltig, der HERR, im Kampf gewaltig.
  9. Ihr Tore, hebt eure Häupter, hebt euch, ihr uralten Pforten, denn es kommt der König der Herrlichkeit!
  10. Wer ist er, dieser König der Herrlichkeit?/ Der HERR der Heerscharen: Er ist der König der Herrlichkeit, Sela!
 
Die Verse 1-2 besingen Gott als den Herrn der Schöpfung. Vers 3-6 bilden einen liturgischen Wechselgesang zwischen den Gläubigen und dem Priester beim Betreten des Heiligtums: Die Gläubigen fragen, wer vor den Herrn treten darf. Der Priester zählt notwendige Eigenschaften auf, und spricht von der Verheißung Gottes für die Gläubigen. In den Versen 7-10 wird in einem erneuten Wechselgesang beschrieben, wie der Herr selbst das Heiligtum betreten will. Die Verse 7-10 sind dabei diejenigen Verse, die in der Adventszeit eine besondere Rolle spielen und wurden sehr häufig vertont. Sie bilden unter anderem die Grundlage für die erste Strophe des Adventsliedes „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“. Gerade in der protestantischen Kirchenmusik der Barockzeit finden sich viele Vertonungen dieses Textes.
 
Eine dieser Vertonungen ist die Kantate „Machet die Tore weit“ von Georg Philipp Telemann (1681-1767). Er schrieb sie für einen 1. Adventssonntag in Hamburg - in welchem Jahr ist nicht genau überliefert. Aber wir wissen, dass Johann Sebastian Bach die Partitur persönlich per Hand abschrieb und das Werk am 1. Advent 1734 in Leipzig aufführte.


Auf den monumentalen Eingangschor mit dem Text aus dem 24. Psalm folgt eine Sopranarie „Jesu, komm in meine Seele, lass sie deine Wohnung sein“ und eine Bassarie „Ich will beten, ich will ringen, ich will loben, ich will singen“. Die Kantate schließt mit der Choralstrophe „Warum willst du draußen stehen“.
 
Eine kurze vollständige Vertonung des Psalms 24 schuf die französische Komponistin Lili Boulanger (1893-1918) im Jahr 1916. Boulanger litt seit ihrer Geburt an chronischer Lungenentzündung und Morbus Crohn. Trotzdem genoss sie eine hervorragende Ausbildung am Conservatoire in Paris. Mit 16 Jahren beschloss sie, Komponistin zu werden. 1913 gewann sie als erste Frau überhaupt den Prix-des-Rome für ihre Kantate Faust et Hélène, was ihr große internationale Aufmerksamkeit bescherte. Sie starb am 15. März 1918 im Alter von nur 24 Jahren.


Ihre Vertonung des Psalms 24 mit der ungewöhnlichen Besetzung Chor, Orgel, Harfe, und Blechbläser bringt auf sehr eindrucksvolle Weise auf engem Raum die unterschiedlichen Facetten des Psalmtextes zum Ausdruck. Es handelt sich hier um den französischen Psalmtext, jedoch sind die drei Teile des Psalm eindeutig an der Musik erkennbar.

Philipp Hövelmann
Veröffentlicht: 11.12.2020




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