Impuls am Abend - Was passiert bei einer Krankensalbung?

Am heutigen Mittwochnachmittag hätten wir in der Pfarrkirche Liebfrauen eigentlich einen Krankensalbungsgottesdienst gefeiert: die Corona (und auch Wetter) -Bedingungen stehen dem aber entgegen.
Bei meiner Arbeit im Krankenhaus werde ich häufiger gefragt, ist dass nicht zu belastend, immer wieder den körperlichen Grenzen von Menschen zu begegnen und dann beten zu müssen?
Ich antworte dann gerne: Nein, in solchen Situationen mitfühlend zu sein ist zwar eine Aufgabe – aber dann gemeinsam beten zu können tut einfach gut! Um das zu verdeutlichen beschreibe ich dann immer das Bildchen, das auf der Außenseite des kleinen Gebetszettels aufgedruckt ist, mit dem man als Priester die gefeierte Krankensalbung dokumentieren kann:
Das Bild ist eine Buchmalerei aus einem mittelalterlichen Evangeliar und zeigt den Gelähmten, der direkt vor Jesus vom Dach abgeseilt wird, weil das Gedränge vor der Tür so groß ist (Mk 2,1-12).
Ob eine Krankensalbung nun im Krankenhaus auf der Normalstation stattfindet, auf der Intensivstation wo die gewohnte Normalität am meisten fehlt oder zuhause im gewohnten Umfeld – schnell merkt man dieses Bild beschreibt das gleiche Geschehen: da ist jemand, der sich tragen lassen muss – aber zum Gebet nehmen wir ihn in die Mitte!
Schaut man sich im Bild die Figur des Gelähmten genauer an, so fällt zweierlei auf: Eigentlich kann es schön sein, sich so tragen zu lassen, ganz eingehüllt in ein großes Tuch. Aber das verweist auch auf die fehlende eigene Kraft. „Ich kann noch nicht einmal allein zur Toilette gehen …“ Dieser häufig mit Seufzen gesprochene Satz verweist auf eine Folge von Krankheiten – nicht nur vorübergehend eingeschränkt zu sein, sondern (bleibenden) Grenzen zu begegnen. Viele schrecken dann ganz zurück und sagen: „Das ist nicht gut, das ist doch nicht menschlich!“ Ich antworte dann gerne: „Ich glaube, dass das Erfahren von und das Leben mit Grenzen Teil des menschlichen Lebens ist – und zwar nicht nur in der Kindheit oder am Ende des Lebens. Denn in jedem Moment des Lebens können wir uns (in Gedanken) mehr Möglichkeiten vorstellen als ich oder andere in diesem Moment umsetzen können.
An Grenzen zu geraten und der Gedanke sich darin tragen lassen zu müssen ist immer wieder herausfordernd – aber wie gut tut es eigentlich wahrzunehmen, was es bedeutet sich tragen lassen zu dürfen? Welche Menschen tun mir jetzt gut und welche Unterstützung an Pflege, Hilfsmitteln und Medikamenten (und welche auch nicht?), welcher Glaube hilft mir über den Moment hinaus zu schauen?                                                        
Ein zweiter Blick darf sich dann auf die Menschen neben dem Kranken richten und viele Angehörige finden sich in der Position der Träger des Gelähmten wieder, die gleichsam sogar Jesus „aufs Dach steigen“ um ihm ihr Anliegen zu zeigen. 
Wer „alles“ tun möchte, damit ein Mensch Heil(ung) erfährt, der wird auch wie der Patient immer wieder Grenzen erfahren: „Dieses und jenes möchte ich bewerkstelligen – aber ich kann es nicht allein oder mit eigener Kraft!“ Auch als Begleiter, der doch aktiv handeln möchte, gibt es Momente, wo ich mich tragen lassen muss. Welche Menschen, welche Erinnerungen und welcher Glaube kann das sein?

Zuletzt tut es gut den Blick auf Jesus zu richten.In der Krankensalbung, gerade dann, wenn die Hand aufgelegt und Stirn und Hände gesalbt werden, darf ich sagen: „Jesus, ich kann dich jetzt zwar nicht von Angesicht sehen – aber ich darf glauben, dass Du auf mich schaust und dass Deine Liebe nicht am Ende ist. Und es gibt eine Menge mehr an Dingen, die ich mit meinen Augen nicht sehen kann und dennoch gelten!“
So ein Beten nenne ich gerne „Sagen dürfen, was gilt!“. Eben nicht nur im Blick auf die Beziehung zu Gott, sondern auch im Blick auf die Menschen, die mich begleiten und sogar die ganze Welt. Und auch wenn in der Krankheit oder dem Gebrechen die nächste unangenehme Situation kommt, weiß ich:
„Jesus, dein liebevoller Blick bleibt auf mir. Zu vielen Dingen bin ich (im Moment) zu schwach. Aber auch ich will sagen: Ich habe dich lieb“. 

Wer so seine eigenen Schwächen wahrnimmt und zugleich aber auch sein Vertrauen ausdrückt, dass er oder sie ein „Gotteskind“ ist, der kann einerseits auf das Sterben zu gehen – andererseits am Vorabend einer Operation aber auch „quietschfidel“ sein, ohne aber sagen zu können, was morgen sein wird ….

Wann ist denn dann der „richtige“ Zeitpunkt für eine Krankensalbung werde ich manchmal gefragt? Und dann antworte ich gerne, genau dann, wenn sich der Gedanke daran meldet. Denn der Gedanke an so eine Feier kommt ja nicht vom heiteren Himmel herab, sondern aus der Wahrnehmung heraus, dass ich selbst oder ein Mensch aus meiner Umgebung immer wieder an Grenzen stoße. (Häufig begegnen wir allerdings auch Grenzen von Menschen, wo aber nicht ihre Geschöpflichkeit, sondern ihr Verhalten Ursache ist: da empfehle ich dann lieber das „Sakrament der Versöhnung“)

Wenn sie also den Eindruck haben, dass dieses Gebet und die Feier des Sakramentes Ihnen gut tut, dann geben sie doch bitte im Pfarrbüro Bescheid. Wo die Mitfeier von Gottesdiensten schwer fällt und die Krankenkommunion Anteil gibt an der Gottesdienstgemeinschaft, da kann auch die Feier der Krankensalbung ein gutes Zeichen der Nähe und der Liebe Gottes in der eigenen Schwäche sein.

Haben sie ruhig Mut, das, was in der eigenen Taufe begonnen hat (wo im Regelfall ja auch schon andere Menschen mich getragen haben), auch in Zeiten von Krankheit und Gebrechen zu aktualisieren!

Pastor Kroppmann (Seelsorger im St. Agnes Hospital und der Pfarrei Liebfrauen)
 
Veröffentlicht: 10.02.2021




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