Impuls am Abend - Fragen und Antworten

Der Religionsphilosoph und Priester Tomas Halik erzählt, dass er an der Wand einer Station der Prager U-Bahn die Inschrift „Jesus ist die Antwort!“ gesehen habe. Ein anderer habe zutreffend dazugeschrieben: „Aber wie war die Frage?“ (Geduld mit Gott S. 20f). Die Antwort hängt in der Luft, wenn man nicht weiß, auf welche Frage sie sich bezieht. „Antworten ohne Fragen“ - fährt Halik fort - „sind wie Bäume ohne Wurzeln“. Christliche Wahrheiten seien uns oft als gefällte, leblose Bäume vorgelegt worden, in denen keine Vögel mehr nisten könnten.
 
In unserer langen kirchlichen Tradition haben wir viele „Bäume“ gesammelt. Katechismen und Dogmatiken sind voll davon. Viele Antworten sind für uns heute unverständlich und tot. So können wir heute nicht verstehen, dass es im Jahr 1054 zu der großen Kirchenspaltung zwischen Ost- und Westkirche auch deswegen gekommen ist, weil in der Westkirche vom Heiligen Geist im Glaubensbekenntnis bekannt wurde, dass er vom Vater und vom Sohn ausgeht. Das „und vom Sohn“ (filioque) war eine unzulässige Ergänzung nach Ansicht der Ostkirche und hat zu einer Spaltung geführt, die leider bis heute besteht.
 
Bei Fragen nach Gott und den Menschen gibt es immer nur vorläufige Antworten. Jede Antwort löst mindestens eine neue Frage aus. Wer eine vorläufige Antwort als endgültig ansieht, wird leicht zum Besserwisser oder unbelehrbaren Fundamentalisten. Es gilt, was A. Einstein gesagt hat: “Man löst die Fragen von morgen nicht mit den Antworten von gestern.“
 
Bei den Fragen nach Gott, dem Sinn des Lebens, der Suche nach Wahrheit, dem Glauben, dem Bösen… geht es nicht um irgendwelche Probleme, sondern um Geheimnisse. Probleme können gelöst werden und somit eine endgültige Antwort bekommen. Geheimnisse kann man nicht lösen und erklären. Antworten sind hier nur vorläufig. Geheimnissen kann man sich nur nähern und sie umkreisen. Deshalb dürfen wir nie vom Weg des Suchens und Fragens abkommen. Die ersten Jesusjünger wurden als „die vom Weg“ bezeichnet. Dazu gehören auch wir. Beim Glauben ist nicht das Wissen das Wichtigste, sondern die Nachfolge Jesu auf seinem Weg.
 
Ich wünsche Ihnen einen guten Weg!
 
Ihr Hans Döink
 
Veröffentlicht: 10.02.2021




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