Ein Ort zum Träumen

„Ach, da ist sie ja wieder“, dachte ich jedes Mal fasziniert, wenn ich es beim Aufräumen nach dem Mittagessen vom Küchenfenster aus mit seinem Rädchen kommen sah. Das zierliche blonde Mädchen von ca. 6 Jahren hatte ein festes Ritual: Es fuhr gezielt zu den großen Eichen, die am Ende der Sackgasse stehen, legte vorsichtig das kleine blaue Rädchen ins Gras und suchte immer den gleichen Baum dieser vier großen Bäume auf. Es fühlte sich auf der in der Mittagszeit menschenleeren Straße wohl völlig unbeobachtet und hielt sich wochenlang fast täglich ca.10-15 Minuten an diesem Baum auf. Mal legte die Kleine mit ausgebreiteten Armen ihr Gesicht an den Stamm, mal ihren Rücken; legte dabei den Kopf in den Nacken und schaute in das große Blätterdach. Bei ihren Besuchen redete es ununterbrochen mit dem Baum, manchmal wirkte sie dabei eher bedrückt, ein anderes Mal lachte sie ins Blätterdach hinauf. Dann wirkte der Gesichtsausdruck gelöst und zufrieden. Wenn sie ihren Besuch beendet hatte, stieg die Kleine wieder auf das Rad und radelte entspannt davon.
 
Irgendwann kam sie nicht mehr, vielleicht hatte sich ihr Tagesablauf verändert. Ich wünsche ihr von Herzen, dass sie langfristig einen Ersatz für „ihren“ Baum gefunden hat. Einen Ort oder Menschen zum „Anlehnen“, zum Erzählen, zum Träumen.
 
Jakob, von dem die Bibel erzählt, hatte auch einen Ort zum Träumen. Diese Geschichte können Sie gerne lesen (Genesis 28).
 
Einen Ort zum Träumen oder sich anvertrauen. Für mich ist so ein Ort oder Moment das Verweilen bei Christus. Zu ihm kann ich auch jederzeit kommen und ihm von meinen Sorgen, Wünschen und Träumen erzählen.

 
Hedwig Bruckmann
 
Veröffentlicht: 30.11.2020




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