Impuls am Abend - Patenschaft

Gestern Abend haben mein Schulfreund und seine Frau mich besucht. Die beiden haben leider keine eigenen Kinder; aber Patenkinder. Und sie erzählten, welche Freude sie damals erfüllt hat, als sie gefragt wurden, für die Nichte bzw. den Neffen das Patenamt zu übernehmen. Und diese Freude dauert bis heute an, da sie weiterhin für ihre mittlerweile jugendlichen bzw. erwachsenen Patenkinder da sind, sich Gedanken machen, was sie als Geschenk zu Weihnachten oder zum Geburtstag zusammen unternehmen können. Die Beiden erzählten, wie sie für ihre Patenkinder versuchen gute Wegbegleiter und Ratgeber zu sein. Sie scheinen besondere vertrauensvolle Bezugspersonen für ihre Patenkinder zu sein; sonst würden diese sie nicht zu Anlässen einladen, zu der die weitere Verwandtschaft nicht geladen ist. – Auch ich bin Pate bei einem meiner Neffen. – Die Beziehung zu ihm, meinem Patenkind, ist noch mal anders als zu den übrigen Neffen.

Die Übernahme einer Patenschaft, wie zum Beispiel bei der Taufe, hat mit Verantwortung zu tun. Jene, die dafür von den Eltern gefragt werden, freuen sich meist darüber, da sie dies als einen Vertrauensbeweis sehen. Als Taufpate gilt es, das Patenkind in seiner Entwicklung zum Menschen und Christen zu begleiten, zu fördern und die Eltern in der christlichen Erziehung zu unterstützen. Die Patenschaft hat immer etwas Positives. 

So ist es auch bei der Patenschaft für ein Kind, das in einer von Armut geprägten Region der Erde lebt. Positiv ist auch die Patenschaft für einen Baum oder Weinstock; wenn es zum Beispiel darum geht, im trockenen Sommer für das Gießen verantwortlich zu sein. 

Doch vergangene Woche hörte ich von Patenschaft ganz anderer Art: Da wurde der Inhalt, Verantwortung, Fürsorge und Begleitung ins Gegenteil verkehrt, ja pervertiert. In der EU wird im Bereich der Flüchtlingspolitik von „Abschiebepatenschaften“ gesprochen. Länder, die keine Flüchtlinge aufnehmen, sollen sich verpflichten, dafür Sorge zu tragen, dass die Flüchtlinge, die kein Bleiberecht haben, wirklich abgeschoben werden. – Patenschaft mit negativer Auswirkung. Ein positiv besetztes Wort wird genutzt, um sich der langfristigen Verantwortung für Menschen entziehen zu können. Das ist zynisch. Auf der einen Seite sprechen die Regierenden in Europa von christlichen Werten und Werteunion und auf der anderen Seite deklarieren sie die Missachtung von christlichen Werten (z. B. Solidarität, Obdachlose aufzunehmen) – eben Abschiebung – als Tat aus Fürsorge. Einer solchen „Patenschaft“ stimme ich nicht zu; für eine solche „Patenschaft“ bin ich nicht zu haben. 

Da dienen mein Schulfreund und seine Frau den Menschen mehr mit ihrem Verständnis von Patenschaft. 

Ihr
Rafael van Straelen
 
Veröffentlicht: 03.10.2020




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