Sonntagsgruß

Liebe Gemeinde,
liebe Leserin, lieber Leser!

In der Osterwoche durfte ich mit einigen Freunden einige Tage durch die Weinberge an der Mosel wandern. Blauer Himmel, Sonnenschein, Frühlingswärme und in der Natur zeigte sich das neu erwachte Leben aus den saftig grünen Wiesen mit bunten Frühlingsblumen und Wiesenschaumkraut. Und an den Reben der Weinstöcke zeigten sich die ersten Knospen und Blättchen. Viele dieser "Wingerte" – wie die Einheimischen gerne sagen, selbst wenn es sich um absolute Steillagen handelt – sind gut für das neue Weinjahr vorbereitet. Deutlich wurde jedoch auch, dass sich zwischen gut gepflegten Parzellen immer wieder aufgegebene Rebzeilen befinden. Manchen sieht man an, dass sie seit Jahren nicht mehr beschnitten und gepflegt wurden. Anderen ist anzusehen, dass sie erst im letzten Herbst aufgegeben wurden.
Bei einer Pause sprechen die Freunde und ich den Winzer, dessen Wein wir gerade verkosten, auf die aufgegebenen Weinlagen an. Er bestätigt, dass auch an der Mosel ein großer Wandel im Gange ist. Es ist nicht nur die anwachsende Zahl von aufgegebenen Weinlagen – der Winzer hofft, dass am Ende dieser Entwicklung in einigen Jahren von den aktuell etwa 8000 ha noch gut 4000 ha bewirtschaftet werden. Das Ganze zieht den Wandel der Landschaft nach sich – auch die typischen Moseldörfer verändern sich. Der Winzer erzählt, dass sein Berufsstand zur Minderheit wird. Junge Leute hätten zudem immer weniger Interesse am harten Beruf des Winzers. Sein Fazit: Immer mehr Weinberge werden zur Brache. Das Interesse am Weinbau geht spürbar zurück.
Was mich in diesem Gespräch besonders beeindruckt, ist die Art und Weise, wie der Winzer über diesen grundlegenden Wandlungsprozess spricht: Er scheint weder betrübt noch einer Hoch-Zeit hinterherzutrauern. Darauf angesprochen, sagt er: Seit zweitausend Jahren wird hier Wein angebaut und mit Freude Wein getrunken. Und immer wieder hat sich der Weinbau verändert. Manchmal – in der Zeit der Reblaus-Plage beispielsweise – war er sogar schon totgesagt. So gibt es in diesen Jahren wieder einen tiefgreifenden Wandel. Aber auch noch in 2000 Jahren wird hier Wein angebaut werden – und vor allem mit Freude getrunken werden. Deswegen ist ihm besonders wichtig: Die Freude an der Arbeit und am Produkt nicht zu verlieren oder gar aufzugeben.
Die Haltung des Winzers geht mir nach. Schon während des Gespräches zog ich gedanklich immer wieder Parallelen zu unserer kirchlichen Situation, die einen gewaltigen Wandlungsprozess erlebt. Die Plausibilitäten kirchlicher Riten, von Gottesdiensten und Lebenshaltungen werden von immer weniger Menschen geteilt und gelebt – vieles scheint zu Ende zu gehen. Deswegen nun in Trauer über Vergangenes zu verfallen, hilft nicht weiter. Ich möchte mir die Haltung des lebenserfahrenen Winzers zu eigen machen und fragen, wie es gelingen kann, den Glauben an den Gott des Lebens in sich verändernden Rahmenbedingungen zu leben und zu teilen. Und nach dem Vorbild des Winzers möchte ich den Glauben nicht aufgeben oder gar die Freude am Glauben (Christsein) verlieren.

Ich wünsche Ihnen einen erholsamen, gesegneten Sonntag und allen jungen Christen, die in unserer Stadt gefirmt werden, mit ihren Familien, Freunden und Gästen ein schönes Fest!

Ihr Pastor
Rafael van Straelen
Veröffentlicht: 23.04.2026



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