Geistliches Wort von Diözesanadministrator Dr. Antonius Hamers
Liebe Schwestern und Brüder,
in den ersten Tagen des neuen Jahres habe ich mehrere Kirchen in unserem Bistum besucht, um mir die Krippen dort anzuschauen. Bis auf eine Kirche waren alle Kirchen geöffnet, und in allen Kirchen waren Menschen - um sich die Krippe anzusehen oder einfach um zu beten. Für mich war es eine schöne Erfahrung - die schönen unterschiedlichen Kirchen zu besuchen und Menschen zu erleben, die dort beten. Mir ist erneut bewusst geworden, welche hohe Bedeutung unsere Kirchen gerade in ländlichen Gegenden haben. Sie sind Zeugen und Ergebnis einer uralten Glaubenstradition in unserer Heimat. Und sie sind nicht nur Denkmäler, sondern auch Orte gelebten Glaubens. Bei aller Dankbarkeit und Faszination für diese durchbeteten Räume bewegt mich die Sorge: Was wird aus diesem Erbe unseres Glaubens und unserer Voreltern, wenn in einer immer säkulareren Gesellschaft immer weniger Menschen diese religiösen Orte aufsuchen, um miteinander unseren Glauben an Jesus Christus zu feiern. Dabei will ich nicht in erster Linie auf den Mangel schauen. Ausdrücklich danke ich allen, die sich vor Ort haupt- und ehrenamtlich dafür einsetzen, die Kirchen zu unterhalten, zu pflegen und mit gläubigem Leben zu füllen. Zugleich müssen wir so ehrlich sein, dass wir gerade im städtischen Bereich nicht alle Kirchen und kirchlichen Räume werden halten können. Wir stehen vor grundstürzenden Veränderungen, die uns auch dazu zwingen werden, Gebäude aufzugeben. Schon jetzt arbeiten viele Verantwortliche in den Pfarreien an den künftigen Immobilienkonzepten. Auch für dieses zukunftsgerichtete Engagement herzlichen Dank! Lassen Sie mich nochmals auf die geöffneten Kirchen zurückkommen. Sie sind ein Sinnbild für unsere Präsenz in der Gesellschaft. Und sie sind ein Ausweis dessen, dass wir einladend sind, dass wir offen sind für die Begegnung mit allen Menschen und mit dem, was Menschen bewegt. Durch meine Arbeit im Katholischen Büro, der Vertretung der fünf Bistümer in Nordrhein-Westfalen auf Landesebene, bin ich durchdrungen davon, dass wir Kirche in der Gesellschaft sind - wir geben Impulse zu wichtigen Fragen in die Gesellschaft, und wir empfangen Impulse aus der Gesellschaft. Wir reagieren auf gesellschaftliche Fragen aus dem Evangelium heraus, indem wir uns für den Schutz menschlichen Lebens, für die Bewahrung der Schöpfung, für den Frieden, für die Würde jedes Menschen, für Freiheit und Demokratie sowie für den gesellschaftlichen Zusammenhalt engagieren. Dieses Engagement geschieht auch und gerade vor Ort in unseren Pfarreien, wo Menschen sich dafür einsetzen, dass der Glaube in der Liturgie würdig und schön gefeiert wird, dass unser Glaube verkündet und an andere - insbesondere an Kinder und Jugend liche - weitergegeben wird und dass unser Glaube in der Liebe zu und in der Sorge für Bedürftige gelebt wird. Unser Glaube hat eine innere, eine persönliche Dimension. Zugleich ist er darauf angelegt, bezeugt und gelebt zu werden – mit anderen und für andere. Wer sich einschließt, nicht in den Dialog geht und sich in der Gesellschaft ausgrenzt, der verrät das Evangelium. Jesus lehrt uns, auf alle Menschen zuzugehen und unsere Türen und unsere Herzen offen zu halten. Oder wie es im Leitwort der Zisterzienser heißt: Porta patet, cor magis – Die Tür steht offen, das Herz noch mehr. Das wiederum gelingt nur, wenn wir aus unserer Beziehung zu Jesus Christus so handeln. Diese Beziehung pflegen wir, wenn wir unseren Glauben gemeinsam feiern - insbesondere in der Feier der Eucharistie, wenn uns Christus im Wort und in der Heiligen Kommunion gegenwärtig begegnet. Zu Beginn der Fastenzeit lade ich Sie ein, die Beziehung zu Christus im persönlichen Gebet und in der gemein samen Feier der Gottesdienste zu bedenken und zu vertiefen. Dabei möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf das heutige Evangelium lenken. Wir haben das Evangelium von der Wüstenerfahrung Jesu gehört. Gleich drei Evangelisten berichten davon. In allen drei Evangelien steht dieser Bericht unmittelbar vor dem öffentlichen Auftreten Jesu und der Berufung seiner Jünger. Dreimal führt der Teufel Jesus in der Wüste in Versuchung. Um drei Grundsünden des Menschen geht es. An erster Stelle steht die Habsucht. Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird. Mehre deinen Besitz. Auch in der Kirche sind wir nicht frei davon, auf den materiellen Besitz zu schauen. Ohne Frage: Unser solides Vermögen im Bistum und in vielen Pfarreien ist die materielle Basis unseres pastoralen Wirkens. Die Kirchensteuer, über deren Zukunft wir trefflich diskutieren können, gibt uns eine finanzielle Unabhängigkeit und Freiheit, die uns in der Pastoral, in der Bildung, in unserer weltkirchlichen Verantwortung und im Sozialen viele Möglichkeiten öffnet. Zugleich bin ich erschrocken, welch großen Stellenwert materielle Strukturen mitunter haben - wenn mit großer Vehemenz an Kirchen und kirchlichen Gebäuden festgehalten wird, obwohl die Kirchen und Räume nur noch wenig genutzt werden und es nahe läge, kirchliches Leben zu konzentrieren. Ich bin mir im Klaren, dass das in ländlichen Räumen, aus denen unser Bistum zu großen Teilen besteht, weit schwieriger ist als im städtischen Bereich. Aber wir müssen auch hier sinnvoll, nachhaltig und sparsam mit unseren Ressourcen umgehen - auch um künftigen Generationen Handlungsspielräume zu belassen. Die zweite Versuchung im Evangelium ist die Eitelkeit - mehr Schein als Sein, mehr gelten zu wollen. Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab, heißt es im Evangelium. Zeig, wie großartig du bist. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir als Kirche der Versuchung erliegen, vor allem beliebt und anerkannt zu sein. So wichtig gesellschaftliches und politisches Engagement der Kirche ist. Es reicht nicht, in erster Linie auf der Welle der scheinbaren Mehrheitsmeinung zu surfen. Unsere Aufgabe ist es, Diskussionen zu ermöglichen und nicht Meinungen im Vorhinein auszugrenzen. Es gilt, Spaltung zu überwinden, Probleme zu benennen, die Menschen bewegen, und die Politik zu mahnen, Probleme anzu gehen und zu lösen. Unser Auftrag bemisst sich nicht am politischen Beifall, sondern an der prophetischen Kraft des Evangeliums. Eng verbunden mit der Sünde der Eitelkeit oder der Gefallsucht ist die Sünde des Machtmissbrauchs, um die es ebenfalls im Evangelium geht. Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, so sagt der Teufel zu Jesus. Sei übermächtig! In der Vergangenheit hat es immer wieder den Versuch der Kirche gegeben, politische Macht zu gewinnen und auszuüben. In den fast 12 Jahren, in denen ich in Düsseldorf im Katholischen Büro arbeite, kann ich beobachten, wie sich das Verhältnis von Kirche und Staat, von Kirche und politischer Macht verändert. So wichtig unser Engagement in politischen Diskussionen ist, so sehr müssen wir anerkennen, dass sich unsere Rolle auch hier verändert. Unser gesellschaftlicher und politischer Einfluss ist begrenzt. Wir sind nicht mehr die große Institution, an der niemand vorbeikommt. Das liegt vor allem an dem dramatischen Mitglieder schwund und an der wachsenden Pluralisierung unserer Gesellschaft. Hier ist mehr Demut gefragt; Demut, die auch im innerkirchlichen Umgang, in der Hierarchie wichtig ist. Auch Macht und Hierarchie innerhalb der Kirche müssen kontrolliert und begründet werden, damit sie nicht missbräuchlich ausgeübt werden. Liebe Schwestern und Brüder, die Sedisvakanz, die Zeit ohne Diözesanbischof, dauert fast ein Jahr an. In den zurückliegenden Monaten meines Dienstes als Übergangsleiter des Bistums hatte ich das große Glück, vielen Menschen - haupt- und ehrenamtlichen - zu begegnen, die in unserem Bistum und darüber hinaus ihr Leben aus dem Glauben an Jesus Christus gestalten und kirchliches Leben vor Ort in unseren Pfarreien und Einrichtungen prägen. Nicht zuletzt die Begegnung mit vielen Ordenschristen hat mich tief beeindruckt. Obwohl sie große Veränderungen gestaltet haben und erleben mussten, dass ihr Apostolat mitunter an ein Ende gekommen ist, strahlen viele von den Frauen und Männern eine große Zufriedenheit und ein tiefes Gottvertrauen aus. Wir können unendlich dankbar sein für deren Dienst und für ihr begleitendes Gebet. Und sie machen uns Mut, Veränderungen anzugehen. Die Begegnungen zeigen mir: Bei allen Herausforderungen ist unser Bistum gut aufgestellt. Ein neuer Bischof kommt in ein Bistum, in dem er auch in säkularen Zeiten gelebten Glauben und Engagement vorfindet. Viele von Ihnen haben den Prozess der Bischofssuche im Gebet begleitet. Darum bitte ich Sie auch weiterhin sehr herzlich. Dann bin ich gewiss, dass wir den neuen Bischof mit offenen Türen und offenen Herzen empfangen können und auch in unsicheren Zeiten den Weg der Kirche von Münster im Vertrauen auf die Führung des dreifaltigen Gottes gehen können. Dazu erbitte ich Ihnen und allen, die zu Ihnen gehören, den Segen Gottes.
Ihr Antonius Hamers, Diözesanadministrator im Bistum Münster

