Sonntagsgruß
Liebe Gemeinde!Selbstporträt statt Tagebuch. – Am vergangenen Montag war ich mit den Kolleginnen und Kollegen der Seelsorge in unserem Pastoralen Raum Bocholt – Isselburg – Rhede zum Besuch im Otto-Pankok-Museum im Haus Esselt, das bei Drevenack liegt. Interaktiv durften wir uns in Kleingruppen die aktuelle Ausstellung anschauen. Auffallend fanden wir in der kleinen Gruppe, in der ich den Rundgang durch die Ausstellung machte, die Häufung, ja Vielzahl der Selbstporträts Otto Pankoks. Insgesamt hat er sich über 180 mal selbst mit dem Kohlestift gezeichnet. Im ersten Moment mag man denken ein Ausdruck von Selbstverliebtheit oder Narzissmus. Doch weit gefehlt. Auf Nachfrage erklärte der Bocholter Museumspädagoge, der uns durch die Ausstellung begleitete, dass der Künstler sich immer wieder selbst gezeichnet habe, um seinen Lebenslauf, seine Lebensgeschichte und damit auch die Zeitgeschichte zu dokumentieren. Anstelle eines Eintrags in ein Tagebuch die Kohlezeichnung des Porträts seiner selbst. So entdeckte ich zum Beispiel ein Porträt von Otto Pankok, dass ihn mit einem bis auf die Knochen abgemagerten Körper zeigt, gezeichnet im Jahr 1946. Der Künstler hat in den Kriegs- und Nachkriegsjahren nicht hungern müssen; war also nicht abgemagert. Er malte sich aber so, um die Situation der Menschen in Deutschland, die im II. Weltkrieg und in der Nachkriegszeit zum Teil großen Hunger leiden mussten, zu dokumentieren. Das Selbstporträt als Zeitdokumentation. Selbstporträt statt Tagebuch. Das hat mich tief bewegt. Wir Menschen spiegeln als sein Ebenbild zum einen Gottes Herrlichkeit wider, zum anderen spiegeln wir mit unserem Antlitz die erlebte Wirklichkeit und Zeit wider.
Der Besuch im Otto-Pankok-Museum war für mich nicht nur eine Neuentdeckung, ich war zum ersten Mal dort, sondern zugleich eine inspirierende Sicht auf den Umgang mit der erlebten Wirklichkeit.
Ich wünsche Ihnen einen erholsamen und gesegneten Sonntag, vielleicht auch mit einem neuen inspirierenden Blick auf die eigene Lebenswirklichkeit.
Ihr Pastor
Rafael van Straelen

