Impuls am Abend

Gedenken – Erinnern - Lernen

Gestern war der 8. Mai. Vor 75 Jahren endete der II. Weltkrieg. Ein historischer Tag. In Berlin gab es nicht den geplanten großen Staatsakt; wohl aber eine Gedenkfeier an der Neuen Wache. Bundeskanzlerin Angela Merkel legte einen Kranz nieder. Bundespräsident Frank Walter Steinmeier hielt eine Rede.

In allen Medien wurde dieses historischen Ereignisses gedacht. Ein denkwürdiger Tag. Seit dem 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, reihten sich die Gedenktage rund um das Ende des II. Weltkrieges wie eine Perlenschnur aneinander. Immer mit dem Hinweis vor 75 Jahren. 

Ich bin sehr froh, dass immer wieder erinnert wird an das, was geschehen ist; und zugleich gemahnt wird, dass dies sich nie wieder wiederholen darf. Der Hinweis, dass die Verbrechen, Kriege und Schreckensereignisse durch die Nazis nun 75 Jahre her sind, macht mir aber auch deutlich, dass es immer weniger Zeitzeugen gibt. Es ist wichtig, deren Erlebnisse und Schilderungen der Ereignisse in Bild und Ton, in Schrift und Wort festzuhalten. 
Im Buch Deuteronomium ist zu lesen: „Denk an die Tage der Vergangenheit, lerne aus den Jahren der Geschichte! Frag deinen Vater, er wird es dir erzählen, frag die Alten, sie werden es dir sagen.“ (Dtn 32, 7)

Die persönlichen Erinnerungen haben eine ganz andere und eigene Qualität als die „nüchternen Fakten“ aus dem Geschichtsbuch. Meine Mutter ist so eine Zeitzeugin. Sie hat im Alter von 5 bis 11 Jahren den II. Weltkrieg mit Bombardierungen und Evakuierung erlebt. So manche Geschichte kenne ich schon und kann sie fast selbst erzählen. Es wäre gut, sie noch einmal zu fragen und zu bitten, zu erzählen von damals, wie das war. Da fällt mir ein, ich weiß gar nicht, wie sie damals den gestrigen Gedenktag erlebt hat: Den 8. Mai 1945. Die Kapitulation, das Kriegsende, die Befreiung Deutschlands von Krieg und Nazi-Terror. Morgen, am Sonntag, werde ich sie besuchen. Da werde ich sie fragen. Schon heute bin ich gespannt…

Vielleicht gibt es ja auch in der eigenen Familie, in der Nachbarschaft, im Freundes- oder Bekanntenkreis noch einen Zeitzeugen, jemanden, den sie fragen könnten… Der vergangenen Ereignisse gedenken, sich ihrer erinnern und daraus lernen. – Dies bleibt eine Aufgabe der Menschheit.

Rafael van Straelen
 
Veröffentlicht: 09.05.2020