Sonntagsgruß - Pfarrei Liebfrauen Bocholt

 

Sonntagsgruß

Bei einer Beerdigung wählte ich kürzlich bei der Verabschiedung in der Friedhofskapelle als Evangelium die Seligpreisungen. Beim Kaffeetrinken nach dem Begräbnis sprach mich zu meiner Überraschung ein sympathisches junges Paar an, beide sagten mir sofort, dass sie aus Berlin stammten und keinerlei kirchlichen Hintergrund hätten und dass das für sie die erste katholische Beerdigung überhaupt gewesen sei. Behalten hatten sie: „Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich" (Mt 5,3). Dann sei ja, so das junge Paar, Armseligkeit für Katholiken was Erstrebenswertes!? Meine Antwort war sinngemäß in etwa so: Ich kenne meinen Besitz. Ich bin mir auch darüber – ungefähr - im Klaren, was ich weiß und was ich kann. Also bin ich in Deutschland sogar als katholischer Priester Mitglied der gut situierten Mittelschicht. Mein Reichtum ergibt sich hier im Vergleich zu den Armen bei uns und besonders in den armen Ländern dieser Welt. Denn im internationalen Vergleich sind die meisten bei uns schon deshalb reich, weil sie sozial abgesichert sind und dazu noch im Frieden und in Sicherheit leben könnten. Vergleiche ich jedoch diesen meinen „Reichtum" nicht mit meinen Mitmenschen, sondern mit Gott, dann wird mir bewusst, wie arm ich bin. Irdischer Reichtum ist eine Illusion oder allenfalls nur eine Gabe, ein Geschenk auf Zeit. Denn das letzte Hemd hat ja bekanntlich keine Taschen. Also bin ich wesentlich arm. Jesus aber sagt, dass Menschen, denen das klar wird, selig- also glücklich zu preisen sind. Und die Begründung dazu liefert er im nächsten Halbsatz: „denn ihnen gehört das Himmelreich". Gott will und wird also die arm sind vor ihm reich machen. Und deshalb sind sie selig. Denn der Himmel ist eine Gabe, die bleibt. Vermutlich werde ich das junge Paar nicht überzeugt haben, aber ich bin ja auch nicht der einzige Christ auf dieser Welt. Seien wir uns unserer Armut bewusst. Denn das ist die beste „Kapitalanlage" auf Zukunft hin.
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen
Gerhard Wietholt
Pfarrer
Veröffentlicht: 19.01.2018