Sonntagsgruß

Haben Sie schon einmal eine Kronjuwelenhochzeit erlebt und durften mitfeiern, dass zwei Menschen fünfundsiebzig Jahre in Liebe und Treue verbunden waren? Ein einziges Mal hatte ich bisher diese Freude. Als Seelsorger war ich schon eine geraume Zeit diesem Ehepaar, die Jubilarin war 95 und der Jubilar 98 Jahre alt, verbunden. Beide geistig erstaunlich rege, er voller Lebensweisheit und sie von bestechender Intelligenz. Dabei ganz einfache Leute, bei denen das Geld immer knapp war und die große Mühe hatten, ihre zwölf Kinder durchzubringen und ihnen einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Gemeinsam hatten beide dies hervorragend gemeistert. Wenige Wochen vor dem großen Ereignis, auf das sich viele mitfreuten, verstarb die jüngste Tochter. Dennoch entschied sich das trauernde Ehepaar nach einigem Zögern, die Feier des Ehejubiläums nicht ausfallen zu lassen und sie wurden dazu von der ganzen Familie - und auch von mir - ermutigt. Beim Fest, das jetzt natürlich wesentlich ruhiger ausfiel, als geplant, trugen beide zwar Trauerkleidung, dennoch ging so etwas wie ein verhaltener Glanz vom Jubelpaar aus, was alle berührte. Bei der Vorbereitung der Festtagsmesse fragte ich die beiden, was für sie das Wichtigste in einer Ehe sei. Zu meinem Erstaunen sagten die Jubilare nichts von dem, was ich erwartet hätte. Sie antworteten: man muss jeden Tag üben, den anderen anzunehmen, auch in schwierigen Situationen schauen, wofür man gerade jetzt dankbar sein kann, und immer wieder zur Vergebung bereit sein. Und die Jubilarin ergänzte noch, dies gelte doch für alle Beziehungen im Leben: sich selbst, dem anderen und sogar Gott gegenüber. Ich bekam eine Ahnung davon, warum beide eine solche Ausstrahlung hatten. Annehmen, dankbar sein und vergeben sind ein höchst aktiver Vorgang. Ich hab mir das für mein eigenes Leben gemerkt und gebe diese Botschaft gerne immer mal wieder auch an andere weiter. Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht Ihnen

Pastor Gerhard Wietholt
Veröffentlicht: 01.04.2016