Moment mal ... Ein adventliches Viertelstündchen mit Musik und Text

Samstag, 20. Dezember 2003

Die Adventsfeier war anstrengend gewesen: zu viel Glühwein, zu viele Vanillekipferl, zu viele Leute, die sich schrecklich abmühten, fröhlich und selig zu sein und darüber ganz feuchte Augen bekamen. "Und das nicht nur vor Glück murmelte Elisabeth trotzig, während sie ihre gute Bluse auszieht. Sie muß dauernd an Frau Simbach denken, deren Mann im November gestorben ist und die nun die ganze Weihnachtsseligkeit irgendwie überstehen muß. "Weihnachten ist eben nur etwas für glückliche Menschen", faucht Elisabeth den matterleuchteten Schlafzimmerspiegel an, bevor sie müde und schwer ins Bett sinkt.

Einen Augenblick lauscht sie noch den regelmäßigen Atemzügen ihres Mannes. Dann überläßt sie sich den Schaukelbewegungen der Matratze. Der Glühwein läßt grüßen. Aber das Schaukeln steigert sich zum wilden Schwanken, bis sich schließlich das ganze Bett wie einfliegender Teppich erhebt und sie in die Sternenwelt entführt - bis zum Stern von Betlehem. Dort hockt das Christkind, angetan mit einem weißen Unterhemd, im Sternenstaub und knabbert an einem herausgebrochenen Sternenzacken.

Elisabeth richtet sich in ihren Gänsedaunen steil auf. "Weißt du eigentlich, was du auf Erden anrichtest?" fragt sie ungestüm. " Streß ohne Ende! Beleidigte Mienen, wenn Großtante Frieda keine Weihnachtskarte bekommen hat oder klein Peter sein Geschenk uncool findet; zwei Kilo Übergewicht und in der Kirche nur noch Stehplätze. Und weißt du, wer sonst noch Hochsaison hat?" "Nein", sagt das Christkind erschrocken und schlägt die Augen auf. Sie sind tatsächlich himmelblau. "Die Telefonseelsorge", trumpft Elisabeth auf. "Denn viele Menschen sind an Weihnachten einsam oder traurig, andere haben viel zu viele Verwandte im Haus Dann gibt es Zoff. Manche betrinken sich sogar. "Hör auf", fleht das Christkind und hält sich beide Ohren zu. Aber Elisabeth ist nun richtig in Fahrt: " Und dabei gibts dich doch gar nicht. Du Erfindung der Einzelhändler, du Hemdenmatz ohne Hose, du...

Das Christkind wird rot und nestelt verlegen an seiner schlechtsitzenden Höschenwindel. "Ich dachte", antwortet es langsam, "die Menschen könnten mich leichter als Kind lieben, als Kind in der Krippe, hilflos und arm. Der große Gott, der Schöpfer des Alls, der alles umgreifende, der überfordert die Menschen. Sie wissen nicht, wie man die Seele des Seins lieben soll." "Aber warum Ochs und Esel und eine alberne Futterkrippe?" "Krippe und Kreuz, wenn ich bitten darf", erwidert das Christkind spitz. Dann fährt es versöhnlich lieb fort: " Die Krippe ist die Freude am neuen Leben, der Anfang einer großen Hoffnung - der Hoffnung auf Erlösung und Rettung, der Hoffnung, daß die unauslöschlichen Sehnsüchte der Menschen nicht ins Leere gehen." Da muß Elisabeth wieder an Frau Simbach denken und ihren verwaisten Tannenbaum. "Es gibt Menschen, die macht die Krippe nicht froh, sondern traurig", bemerkt sie leise.

Da schweigt das Christkind und das All mit ihm. Schließlich, nach einer längeren Pause: "Wenn die Menschen nur wieder lernen könnten, Christus in mir zu entdecken! Geburt und Tod, Freude und Enttäuschung, Liebe, Leid und Einsamkeit - all das dürfen sie mit mir teilen und sich darin mit mir verbinden. Wer jedoch allein das göttliche Kind will, nicht aber den erwachsenen Christus, der läßt dem göttlichen Leben keinen Raum zum Wachstum, der läßt Gott in seinem Herzen erstarren - ein Kindergott, der irgendwann abgelegt wird. Der Gott des Lebens aber findet sich auch unter einem verwaisten Tannenbaum, in den Tränen der Einsamen genauso wie in den Tränen der Freude."

Während das Christkind dies ausspricht, geschieht etwas Seltsames. Mit jeder Silbe scheint es zu wachsen, größer und größer, bis Elisabeth schließlich nur noch den Saum des Gewandes sieht. Ihr staunender Mund öffnet sich zur Frage, als ihr schon die Antwort entgegenklingt:" Den Kindern und den sich kindlich Freuenden bin ich das Christkind, den Trauernden der mitleidende Christus, den Suchenden ein fahrender Gott auf dem Weg, den Sterbenden die Hand, die sie nicht ins Dunkelfallen läßt. Den Zweifelnden aber bin ich ein geduldiger, ein werbender Gott."

Da wacht Elisabeth auf und spürt für einen Augenblick die Hand des werbenden Gottes auf ihrer Schulter, geduldig und gelassen. "Nur ein Traum", sagt sie leise, fast beschwörend zu sich selbst. Aber sie lächelt wissend, als sie Stunden später in den Keller steigt, um das wächserne Christkind unter dem Gerümpel der Jahre zu suchen und zu finden: als Erinnerung und Mahnung zugleich.

Von Silvia Becker

Samstag, 13. Dezember 2003

Bertolt Brecht – Das Paket des lieben Gottes
Nehmt eure Stühle und eure Teegläser mit hier hinter den Ofen und vergesst den Rum nicht. Es ist gut, es warm zu haben, wenn man von der Kälte erzählt.
Manche Leute, vor allem eine gewisse Sorte Männer, die etwas gegen Sentimentalität hat, haben eine starke Aversion gegen Weihnachten. Aber zumindest ein Weihnachten in meinem Leben ist bei mir wirklich in bester Erinnerung. Das war der Weihnachtsabend 1908 in Chicago.
Ich war anfangs November nach Chicago gekommen, und man sagte mir sofort, als ich mich nach der allgemeinen Lage erkundigte, es würde der härteste Winter werden, den diese ohnehin genügend unangenehme Stadt zustande bringen könnte. Als ich fragte, wie es mit den Chancen für einen Kesselschmied stünde, sagte man mir, Kesselschmiede hätten keine Chance, und als ich eine halbwegs mögliche Schlafstelle suchte, war alles zu teuer für mich. Und das erfuhren in diesem Winter 1908 viele in Chicago, aus allen Berufen.
Und der Wind wehte scheußlich vom Michigan-See herüber durch den ganzen Dezember, und gegen Ende des Monats schlossen auch noch eine Reihe großer Fleischpackereien ihren Betrieb und warfen eine ganze Flut von Arbeitslosen auf die kalten Straßen.
Wir trabten die ganzen Tage durch sämtliche Stadtviertel und suchten verzweifelt nach etwas Arbeit und waren froh, wenn wir am Abend in einem winzigen, mit erschöpften Leuten angefüllten Lokale im Schlachthofviertel unterkommen konnten. Dort hatten wir es wenigstens warm und konnten ruhig sitzen. Und wir saßen, so lange es irgend ging, mit einem Glas Whisky, und wir sparten alles den Tag über auf dieses eine Glas Whisky, in das noch Wärme, Lärm und Kameraden mit einbegriffen waren, all das, was es an Hoffnung für uns noch gab.
Dort saßen wir auch am Weihnachtsabend dieses Jahres, und das Lokal war noch überfüllter als gewöhnlich und der Whisky noch wässriger und das Publikum noch verzweifelter. Es ist einleuchtend, dass weder das Publikum noch der Wirt in Feststimmung geraten, wenn das ganze Problem der Gäste darin besteht, mit einem Glas eine ganze Nacht auszureichen, und das ganze Problem des Wirtes, diejenigen hinauszubringen, die leere Gläser vor sich stehen hatten.
Aber gegen zehn Uhr kamen zwei, drei Burschen herein, die, der Teufel mochte wissen woher, ein paar Dollars in der Tasche hatten, und die luden, weil es doch eben Weihnachten war und Sentimentalität in der Luft lag, das ganze Publikum ein, ein paar Extragläser zu leeren. Fünf Minuten darauf war das ganze Lokal nicht wiederzuerkennen.
Alle holten sich frischen Whisky (und passten nun ungeheuer genau darauf auf, dass ganz korrekt eingeschenkt wurde), die Tische wurden zusammengerückt, und ein verfroren aussehendes Mädchen wurde geben, einen Cakewalk zu tanzen, wobei sämtliche Festteilnehmer mit den Händen den Takt klatschten. Aber was soll ich sagen, der Teufel mochte seine schwarze Hand im Spiel haben, es kam keine rechte Stimmung auf.
Ja, geradezu von Anfang an nahm die Veranstaltung einen direkt bösartigen Charakter an. Ich denke, es war der Zwang, sich beschenken lassen zu müssen, der alle so aufreizte. Die Spender dieser Weihnachtsstimmung wurden nicht mit freundlichen Augen betrachtet. Schon nach den ersten Gläsern des gestifteten Whiskys wurde der Plan gefasst, eine regelrechte Weihnachtsbescherung, sozusagen ein Unternehmen größeren Stils, vorzunehmen.
Da ein Überfluss an Geschenkartikeln nicht vorhanden war, wollte man sich weniger an direkt wertvolle und mehr an solche Geschenke halten, die für die zu Beschenkenden passend waren und vielleicht sogar einen tieferen Sinn ergaben.
So schenkten wir dem Wirt einen Kübel mit schmutzigem Schneewasser von draußen, wo es davon gerade genug gab, damit er mit seinem alten Whisky noch ins neue Jahr hinein ausreichte. Dem Kellner schenkten wir eine alte, erbrochene Konservenbüchse, damit er wenigstens ein anständiges Servicestück hätte, und einem zum Lokal gehörigen Mädchen ein schartiges Taschenmesser, damit es wenigstens die Schicht Puder vom vergangenen Jahr abkratzen könnte.
Alle diese Geschenke wurden von den Anwesenden, vielleicht nur die Beschenkten ausgenommen, mit herausforderndem Beifall bedacht. Und dann kam der Hauptspaß.
Es war nämlich unter uns ein Mann, der musste einen schwachen Punkt haben. Er saß jeden Abend da, und Leute, die sich auf dergleichen verstanden, glaubten mit Sicherheit behaupten zu können, dass er, so gleichgültig er sich auch geben mochte, eine gewisse, unüberwindliche Scheu vor allem, was mit der Polizei zusammenhing, haben musste. Aber jeder Mensch konnte sehen, dass er in keiner guten Haut steckte.
Für diesen Mann dachten wir uns etwas ganz Besonderes aus. Aus einem alten Adressbuch rissen wir mit Erlaubnis des Wirtes drei Seiten aus, auf denen lauter Polizeiwachen standen, schlugen sie sorgfältig in eine Zeitung und überreichten das Paket unserem Mann.
Es trat eine große Stille ein, als wir es überreichten. Der Mann nahm zögernd das Paket in die Hand und sah uns mit einem etwas kalkigen Lächeln von unten herauf an. Ich merkte, wie er mit den Fingern das Paket anfühlte, um schon vor dem Öffnen festzustellen, was darin sein könnte. Aber dann machte er es rasch auf.
Und nun geschah etwas sehr Merkwürdiges. Der Mann nestelte eben an der Schnur, mit der das „Geschenk“ verschnürt war, als sein Blick, scheinbar abwesend, auf das Zeitungsblatt fiel, in das die interessanten Adressbuchblätter eingeschlagen waren. Aber da war sein Blick schon nicht mehr abwesend. Sein ganzer dünner Körper (er war sehr lang) krümmte sich sozusagen um das Zeitungsblatt zusammen, er bückte sein Gesicht tief darauf herunter und las. Niemals, weder vor- noch nachher, habe ich je einen Menschen so lesen sehen. Er verschlang das, was er las, einfach. Und dann schaute er auf. Und wieder habe ich niemals, weder vor- noch nachher, einen Mann so strahlend schauen sehen wie diesen Mann.
„Da lese ich eben in der Zeitung“, sagte er mit einer verrosteten, mühsam ruhigen Stimme, die in lächerlichem Gegensatz zu seinem strahlenden Gesicht stand, „dass die ganze Sache einfach schon lang aufgeklärt ist. Jedermann in Ohio weiß, dass ich mit der ganzen Sache nicht das Geringste zu tun hatte.“ Und dann lachte er.
Und wir alle, die erstaunt dabei standen und etwas ganz anderes erwartet hatten und fast nur begriffen, dass der Mann unter irgendeiner Beschuldigung gestanden und inzwischen, wie er eben aus dem Zeitungsblatt erfahren hatte, rehabilitiert worden war, fingen plötzlich an, aus vollem Halse und fast aus dem Herzen mitzulachen, und dadurch kam ein großer Schwung in unsere Veranstaltung, die gewisse Bitterkeit war überhaupt vergessen, und es wurde ein ausgezeichnetes Weihnachten, das bis zum Morgen dauerte und alle befriedigte.
Und bei dieser allgemeinen Befriedigung spielte es natürlich gar keine Rolle mehr, dass dieses Zeitungsblatt nicht wir ausgesucht hatten, sondern Gott.

 

Samstag, 6. Dezember 2003


Gerhard Riedel – Das Brot
Es war gerade Advent, als es zu der Auseinandersetzung kam. Eigentlich hatte sie sich bereits seit dem Sommer vorbereitet: so, wie sich Gewitterwolken ballen, ehe der erste Blitz zuckt. Wie saßen alle fünf in dem gleichen Boot. Das Boot hieß Hunger, denn es gab auch zu wenig Kartoffeln. Die tägliche Brotration betrug je Person 200 Gramm. Für uns fünf war das genau ein Kilogramm-Brot je Tag; wir hatten zunächst den einfachsten Weg gewählt:
Der Laib lag im Brotfach. Jedem zugänglich. Dieses Brotfach war das Zentrum unserer Tage. Der Weg zum Brotfach bedeutete die Erfüllung des elementarsten Wunsches. Gewiss: für mich, den Fünfzehnjährigen, gab es Erfüllung im Geistigen, aber die Erfüllung des Hungers im Weg zum Brotfach übertraf jede, auch die intensivste geistige Erfüllung. Sie war unvergleichbar, die Schnitte trockenes Brot. Und die Freiheit, dass dieses Brot jedem von uns fünf offen und zugänglich lag, bewirkte lange Zeit, dass gar kein Anlass da war, es gierig zu verschlingen. Nein, diese Freiheit gewährte die eigentliche Erfüllung: es ruhig, unbedrängt, froh genießen zu können – in all der Köstlichkeit, die eine Scheibe trockenes Brot damals für uns bedeutete.
Damals ja, damals war es noch Sommer. Strahlender Sommer 1947. Dann aber war der Argwohn gekommen, das berechnende Denken. War es auch wirklich ein Fünftel des Laibes, was ich da täglich aß? Großvater, ja, der holte sich verhältnismäßig sehr wenig. Der fiel heraus aus dem Netzwerk des Misstrauens. Auch meine Mutter ging selten an diesen Platz, der uns bis in die Träume hinein verfolgte. Aber mein Vater und mein Bruder, sie waren öfter dort. Meist ergab sich auch, dass das Fach am Abend leer war, ja: abends gab es fast nie mehr Brot. Machte da einer zu oft diese Pilgerfahrt an die Stätte unserer sehnlichsten Träume?
Ich selbst hatte das Holzscheit sorgsam gespalten. In fünf Stöckchen ganz gleichartige Holzstöckchen, die unten zugespitzt wurden. Oben bekamen sie eine farbige Haube: mit Wasserfarben bemalt. Rot, grün, blau , gelb und schwarz. Ganz einfach. Da nur das Brot wichtig war und nicht die Farbe, war es jedem von uns gleich, welches Stöckchen er bekam. Vom Herbst an wurde das tägliche Brot gefünftelt. Das Stöcken im Brotstück schloss alle Verwechslungen aus.
Mein Fünftel war rot gekennzeichnet. Nun konnte ich davon essen, wann und so oft ich wollte – solange es reichte. Ich war nun sicher, mein Fünftel zu bekommen; für Wochen bedeutete das ein Gefühl vollständiger Geborgenheit und Sicherheit – auch wenn der Hunger kam. Und wenn nichts mehr zu holen war: so gegen Abend.
Dan kam die Versuchung. Sie kam elementar, so wie sie für Fünfzehnjährige in mehr als einer Beziehung kommt. Aber wegen des Brotes kam sie so stark, dass es keinen Weg gab, ihr zu entweichen.
Zunächst benutzte ich den Weg des geringsten Widerstandes.
Beim Brotstück meines Großvaters hatte ich kaum Zwischenfälle zu befürchten. Am Abend, wenn mein Brotstück längst zu Ende gegangen war, säbelte ich, sobald ich mich unbeobachtet wusste, an Großvaters Stück herum. Für einige Zeit konnte ich wieder einschlafen: der Hunger, der sich allnächtlich einstellte, war verbannt. Doch die Lawine, einmal ins Rollen gekommen, wuchs. Großvater, ja Großvater nickte mir verständnisvoll zu: mehr ein geheimer Verbündeter als ein Bestohlener. Als ich mich dann, im Advent, auch am Brotstück meines Bruders vergriff, als mein Vater, längst aufmerksam geworden, auch sein eigenes, mühsam bis gegen Abend gehütetes Fünftel dahingeschwunden fand, lag die Auseinandersetzung längst „in der Luft“. Es war Dezember, als mein Vater mich überraschte.
Jene Male, in denen mein Vater die Selbstbeherrschung verlor, kann ich an den Fingern einer Hand abzählen. Weil sie so selten kamen, kann ich mich an alle diese Male erinnern. Als ich sieben war, war die Spielzeug-Eisenbahn neu. Sie war teuer gewesen, und ich selbst war in jene Entwicklungsperiode hineingewachsen, in der das Aufgliedern der Dinge in ihre Bestandteile alle Wünsche beherrschte. Verständlich eigentlich der strikte Wunsch meines Vaters, diese Eisenbahn nur gemeinsam mit ihm aufzubauen. Als er das erste Mal etwas länger unterwegs war, holte ich meine Freunde in die Wohnung. Wir bogen die Schienen nach unseren Wünschen zurecht – endlich ungebunden an ängstliche Gesetze – und spielten anschließend „entgleisen“. Stundenlang ließen wir die Züge gegeneinander rasen. Als mein Vater zurückkam, ereignete sich eines der seltenen Male, dass er seine Beherrschung verlor.
Als ich – acht Jahre später – die Brotschnitte, die mir nicht gehörte, in der Hand hatte, trat er ganz unvermutet auf mich zu.
In diesem Advent 1947 rundete sich die Fünfzahl – es war das letzte Mal, dass ich meinen Vater zornvoll enttäuscht erlebte. Ein Stuhlbein brach als Folge; einer der Löffel, den wir Heimatvertriebenen als kostbares Neuinventar besaßen, wurde im impulsiven Aufschlag in Stiel und Schale getrennt. Mein Großvater trat schützend zwischen Vater und mich; ich sagte, dass ich jetzt fortgehen würde, sehr weit fort. Und dass sich gewiss nie mehr wiederkäme. Dann ging ich tatsächlich, längst nicht mehr Herr meines Hungers und meiner Sinne, hinauf in den Friedhof und immer wieder quer durch die Gräberreihen, blind und ziellos quer – bis meine Mutter mich zurückholte. Das war im Advent – im Advent Neunzehnhundertsiebenundvierzig.
Von diesem Tage an verteilte meine Mutter die Brotschnitten. Immer im Kreis herum: eins, zwei, drei, vier, fünf; eins, zwei,... Dann war Weihnachten da.
Eigentlich weint man nicht, wenn man fünfzehn Jahre alt ist. Es gehört zum Wesen der Pubertät, dass man mit 15 nicht weint; aber als das Brot da lag: dank glimmendem Holzkohlenfeuer goldbraun gebacken – Brot: beschenkt mit dem Erdduft des ausgereiften Korns – die Erlösung aus den Ketten des Hungers, Sinnbild des Paradieses, falls es für Hungernde so ein irdisches Sinnbild gibt; als das Brot da lag, weinte ich. Daneben stand ein Glas Marmelade unter den Zweigen. Alles für mich, abgehungert von den anderen. Und darüber das Astwerk der weihnachtlichen Fichte. Und daneben die Krippe.
Das Brot gehörte mir ganz allein; auch die Marmelade. Heute bleibt mir die Hoffnung, dass ich den anderen davon abgegeben habe. Ich hoffe es – denn ich weiß es nicht mehr. Man vergisst ja so leicht, denn es liegt so viel Weihnachten dazwischen – und so wenig Advent.

 

Samstag, 29. November 2003


„...dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein“ (Mk 13,34)
„...Der Pförtner soll seine Zelle neben der Pforte haben, damit die Besucher ihn immer dort antreffen und Auskunft erhalten“ (Benedikt, Regel 66,21).


Wilhelm Brunners – Der alte Pförtner
Da war ein großes, altes Haus mit vielen Wohnungen. Und in den Wohnungen lebten Menschen – jahraus, jahrein: Kinder und Alte, Müde und sehr Wache. Es gab Kranke und Gesunde, Kluge und Toren. Die Menschen in dem Haus liebten und hassten sich, sie vereinigten sich und ließen wieder voneinander.
Der Besitzer des Hauses hatte sich vor langer Zeit einmal sehen lassen. Damals musste er noch jung gewesen sein. Aber jetzt war er lange nicht dar gewesen, und manche sprachen davon, er lebe gar nicht mehr und sei irgendwo gestorben. Einige hofften sogar, eines Tages würde das Haus ihr Besitz werden.
Wenn die Leute den alten Pförtner nach dem Besitz des Hauses fragten, schüttelte er nur vielsagend den Kopf. Doch er schien auch nichts Genaues zu wissen, obschon er lange Pförtner war. Manche meinten, er habe den jungen Herr noch gekannt.
Der alte Pförtner war ein wunderlicher Mann. Nie verließ er seinen Platz, und keiner konnte sich erinnern, ihn jemals außerhalb seines Pförtnerzimmers gesehen zu haben. Auf seinem Tisch stand täglich eine frische Blume: „Für den Herrn“ sagte er geheimnisvoll und strich dabei nachdenklich über seinen Bart. Die großen Leute lachten über ihn und hielten für etwas verrückt, nur die Kinder glaubten ihm und fragen immer wieder: „Wann kommt er?“ „Er kommt ganz bestimmt“, sagte der Alte bedeutungsvoll und blickte zum Eingang, als käme der Erwartete gerade herein.
Zum alten Pförtner kamen aber nicht nur die Kinder. Viele Bettler holten sich bei ihm ein gutes Wort oder einen Becher Wasser, und mit manchen teilte er sein Brot. So lebte er lange Zeit in seiner Pforte. Und alle waren froh, dass es ihn gab. Vor allen aber liebte ihn die Kinder.
Da klopfte eines Tages ein Fremder an seine Tür. Er zeigte dem Pförtner eine große Wunde am Bein und bat ihn, etwas ausruhen zu dürfen. Der Pförtner öffnete ihm und bat ihn, in das kleine Zimmer einzutreten. Schwer ließ sich der Fremde auf einen Stuhl nieder, er atmete heftig, und der Pförtner glaubte schon, dass es mit dem Verwundeten zu Ende ginge. Er bat ihn deshalb, sich auf das Bett zu legen und dort auszuruhen. Der Pförtner holte Wasser und wusch ihm die Wunde aus; er kühlte seine Stirn und deckte ihn zu. Der Fremde war kaum in der Lage zu sprechen. Nur soviel verstand der Pförtner, dass er dankbar war, eine gute Hand zu spüren.
„Was sage ich nur, wenn jetzt der Herr kommt“, fragte sich der Pförtner besorgt. Und die großen Leute, die vorbeikamen, schüttelten ernst den Kopf. Man wisse nie, wer sich da alles einschleiche, tuschelten sie und warfen vielsagende Blicke auf die Hausordnung. Überdies war der Fremde in einen ruhigen, heilenden Schlaf gefallen, und der Pförtner getraute sich nicht, ihn zu wecken. Er sah, dass er die Nacht wohl bei ihm im Pförtnerraum zubringen werde. Doch er hatte die Hoffnung, der Fremde würde am nächsten Tag soweit hergestellt sein, um weiterzugehen. Aber auch am nächsten Tag blieb der Fremde noch.
Am Morgen des dritten Tages fanden die Bewohner des Hauses den Pförtner tot auf seinem Bett. Ein großer Friede lag auf seinem Gesicht. Der Fremde aber war verschwunden und wurde nicht mehr gesehen.
Was die großen Leute nicht sahen, wussten die Kinder. Die Blume auf dem Tisch war nicht mehr da. Und unter den Kindern hält sich bis heute das Gerücht, der Fremde sei kein anderer als der Herr gewesen, auf den der Pförtner sein Leben lang gewartet hatte.