Predigtreihe in den Sommerferien 2006

Seit dem 19. April 2005 ist Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. Bischof von Rom. In den nunmehr 14 Monaten seines Pontifikats fanden naturgemäß seine erste Enzyklika „Deus caritas est“ und die Rede im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau weltweite Beachtung. Doch war der heutige Papst schon in seiner Zeit als Professor, Konzilsberater, Erzbischof von München und Freising sowie als Präfekt der Glaubenskongregation ein auch außerkirchlich stets beachteter Gelehrter, der die theologische Entwicklung vor, während und nach dem II. Vatikanischen Konzil maßgeblich beeinflusst hat und dessen Veröffentlichungen immer auf vielfältige Resonanz stießen.
Insbesondere seine Stellungnahmen zu theologisch strittigen Fragen oder kirchenpolitisch brisanten Themen wurden aufmerksam registriert. Die („predigtfreien“) Sonntage der diesjährigen Sommerferien geben Gelegenheit, einige teils weniger bekannte, aber nicht weniger bedenkenswerte Veröffentlichungen Joseph Ratzingers zumindest in kleinen Auszügen vorzustellen.



7. Feriensonntag, 3./4. August 2006


Benedikt XVI. (seit 19. April 2005)

Gottes- und Nächstenliebe

Können wir Gott überhaupt lieben, den wir doch nicht sehen? Und: kann man Liebe gebieten? Gegen das Doppelgebot der Liebe gibt es den in diesen Fragen anklingenden doppelten Einwand. Keiner hat Gott gesehen – wie sollten wir ihn lieben? Und des weiteren: Liebe kann man nicht befehlen, sie ist doch ein Gefühl, das da ist oder nicht da ist, aber nicht vom Willen geschaffen werden kann. Die Schrift scheint den ersten Einwand zu bestätigen, wenn da steht: „Wenn jemand sagt: ‘Ich liebe Gott!’, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht“ (1 Joh 4,20). ...

In der Tat: Niemand hat Gott gesehen, so wie er in sich ist. Und trotzdem ist Gott uns nicht gänzlich unsichtbar, nicht einfach unzugänglich geblieben. Gott hat uns zuerst geliebt ... und diese Liebe Gottes ist unter uns erschienen, sichtbar geworden dadurch, dass er „seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben“ (1 Joh 4,9). Gott hat sich sichtbar gemacht: In Jesus können wir den Vater anschauen (vgl. Joh 14,9). In der Tat gibt es eine vielfältige Sichtbarkeit Gottes. In der Geschichte der Liebe, die uns die Bibel erzählt, geht er uns entgegen, wirbt um uns – bis hin zum Letzten Abendmahl, bis hin zu dem am Kreuz durchbohrten Herzen, bis hin zu den Erscheinungen des Auferstandenen und seinen Großtaten, mit denen er durch das Wirken der Apostel die entstehende Kirche auf ihrem Weg geführt hat. Und in der weiteren Geschichte der Kirche ist der Herr nicht abwesend geblieben: Immer neu geht er auf uns zu – durch Menschen, in denen er durchscheint; durch sein Wort, in den Sakramenten, besonders in der Eucharistie. In der Liturgie der Kirche, in ihrem Beten, in der lebendigen Gemeinschaft der Gläubigen erfahren wir die Liebe Gottes, nehmen wir ihn wahr und lernen so auch, seine Gegenwart in unserem Alltag zu erkennen. Er hat uns zuerst geliebt und liebt uns zuerst; deswegen können auch wir mit Liebe antworten. Gott schreibt uns nicht ein Gefühl vor, das wir nicht herbeirufen können. Er liebt uns, lässt uns seine Liebe sehen und spüren, und aus diesem „Zuerst“ Gottes kann als Antwort auch in uns die Liebe aufkeimen.

Darüber hinaus wird in diesem Prozess der Begegnung auch klar, dass Liebe nicht bloß Gefühl ist. Gefühle kommen und gehen. Das Gefühl kann eine großartige Initialzündung sein, aber das Ganze der Liebe ist es nicht. ... Zur Reife der Liebe gehört es, dass sie alle Kräfte des Menschseins einbezieht, den Menschen sozusagen in seiner Ganzheit integriert. Die Begegnung mit den sichtbaren Erscheinungen der Liebe Gottes kann in uns das Gefühl der Freude wecken, das aus der Erfahrung des Geliebtseins kommt. Aber sie ruft auch unseren Willen und unseren Verstand auf den Plan. Die Erkenntnis des lebendigen Gottes ist Weg zur Liebe, und das Ja unseres Willens zu seinem Willen einigt Verstand, Wille und Gefühl zum ganzheitlichen Akt der Liebe. ... Die Liebesgeschichte zwischen Gott und Mensch besteht eben darin, dass diese Willensgemeinschaft in der Gemeinschaft des Denkens und Fühlens wächst und so unser Wollen und Gottes Wille immer mehr ineinanderfallen: der Wille Gottes nicht mehr ein Fremdwille ist für mich, den mir Gebote von außen auferlegen, sondern mein eigener Wille aus der Erfahrung heraus, dass in der Tat Gott mir innerlicher ist als ich mir selbst. Dann wächst Hingabe an Gott. Dann wird Gott unser Glück (vgl. Ps 73 [72],23 – 28).

So wird Nächstenliebe in dem von der Bibel, von Jesus verkündigten Sinn möglich. Sie besteht darin, dass ich auch den Mitmenschen, den ich zunächst gar nicht mag oder nicht einmal kenne, von Gott her liebe. Das ist nur möglich aus der inneren Begegnung mit Gott heraus, die Willensgemeinschaft geworden ist und bis ins Gefühl hineinreicht. Dann lerne ich, diesen anderen nicht mehr bloß mit meinen Augen und Gefühlen anzusehen, sondern aus der Perspektive Jesu Christi heraus. Sein Freund ist mein Freund. Ich sehe durch das Äußere hindurch sein inneres Warten auf einen Gestus der Liebe – auf Zuwendung, die ich nicht nur über die dafür zuständigen Organisationen umleite und vielleicht als politische Notwendigkeit bejahe. Ich sehe mit Christus und kann dem anderen mehr geben als die äußerlich notwendigen Dinge: den Blick der Liebe, den er braucht. Hier zeigt sich die notwendige Wechselwirkung zwischen Gottes- und Nächstenliebe... . Wenn die Berührung mit Gott in meinem Leben ganz fehlt, dann kann ich im anderen immer nur den anderen sehen und kann das göttliche Bild in ihm nicht erkennen. Wenn ich aber die Zuwendung zum Nächsten aus meinem Leben ganz weglasse und nur „fromm“ sein möchte, nur meine „religiösen Pflichten“ tun, dann verdorrt auch die Gottesbeziehung. Dann ist sie nur noch „korrekt“, aber ohne Liebe. Nur meine Bereitschaft, auf den Nächsten zuzugehen, ihm Liebe zu erweisen, macht mich auch fühlsam Gott gegenüber. Nur der Dienst am Nächsten öffnet mir die Augen dafür, was Gott für mich tut und wie er mich liebt... Gottes- und Nächstenliebe sind untrennbar: Es ist nur ein Gebot. Beides aber lebt von der uns zuvorkommenden Liebe Gottes, der uns zuerst geliebt hat. So ist es nicht mehr „Gebot“ von außen her, das uns Unmögliches vorschreibt, sondern geschenkte Erfahrung der Liebe von innen her, die ihrem Wesen nach sich weiter mitteilen muss. Liebe wächst durch Liebe. Sie ist „göttlich“, weil sie von Gott kommt und uns mit Gott eint, uns in diesem Einigungsprozess zu einem Wir macht, das unsere Trennungen überwindet und uns eins werden lässt, so dass am Ende „Gott alles in allem“ ist (vgl 1 Kor 15,28).

aus: BENEDIKT XVI., Enzyklika DEUS CARITAS EST, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 171, hrsg. vom SEKRETARIAT DER DEUTSCHEN BISCHOFSKONFERENZ, Bonn 2006, hier 23-27.


6. Feriensonntag, 29./30. Juli 2006


Joseph Kardinal Ratzinger, Präfekt der Glaubenskongregation (1981-2005)

Zukunft der Kirche – Kirche der Zukunft

Christ kann man nie allein sein, Christ-sein bedeutet Weggemeinschaft. ... Deswegen muss es die Sorge der Kirche sein, Weggemeinschaften zu schaffen. Die gesellschaftliche Kultur Europas und Amerikas bietet diese Weggemeinschaft nicht mehr an. Das führt uns zu den ... Fragen zurück, wie die Kirche in dieser zusehends entchristlichten Gesellschaft leben wird. Sie wird eben neue Weisen der Weggemeinschaft bilden müssen, die Gemeinden werden sich stärker gegenseitig miteinander tragend und im Glauben lebend gestalten müssen.
Das bloße Umfeld der Gesellschaft reicht heute nicht mehr aus, eine allgemeine christliche Atmosphäre ist nicht mehr gegeben. So müssen Christen sich wirklich untereinander stützen. Und hier gibt es ja jetzt schon andere Formen, „Bewegungen“ verschiedener Art, mit denen Weggemeinschaften gebildet werden. Unerlässlich ist eine Erneuerung des Katechumenats, in dem eine Einübung, ein Kennenlernen des Christlichen möglich ist; ein Sichanhängen an Mönchsgemeinschaften wird ein Weg sein, um dort Erfahrungen des Christlichen zu machen. Mit anderen Worten, wenn die Gesellschaft in ihrer Ganzheit nicht mehr christliche Umwelt ist, so wie sie es ja auch in den ersten vier bis fünf Jahrhunderten nicht gewesen ist, muss die Kirche selber Zellen bilden, in denen das Sichstützen, das Sichtragen und das Miteinandergehen, also der große Lebensraum der Kirche im Kleinen erfahrbar und praktisch wird. ...

Ich glaube, ... daß sich viele Menschen mehr oder weniger an sie anlehnen werden, die sozusagen von außen her und irgendwie doch auch in ihrem Inneren mit ihr mitleben. Trotz aller erwartbaren Änderungen wird meiner Überzeugung nach die Pfarrei die wesentliche Zelle des gemeindlichen Lebens bleiben. Aber man wird kaum das ganze jetzige Pfarrsystem aufrechterhalten können, das ja zum Teil auch ziemlich jungen Datums ist. Das Zueinandergehen wird gelernt werden müssen und wird eine Bereicherung sein. Wie fast immer in der Geschichte wird es daneben Gruppierungen geben, die durch ein bestimmtes Charisma, durch eine Gründerpersönlichkeit, einen spezifischen geistlichen Weg zusammengehalten werden. Zwischen Pfarrei und „Bewegung“ ist fruchtbarer Austausch notwendig: Die Bewegung braucht die Verbindung mit der Pfarrei, um nicht sektiererisch zu werden, die Pfarrei braucht „Bewegungen“, um nicht zu erstarren. Schon jetzt haben sich neue Formen des Ordenslebens mitten in der Welt gebildet. Wer zusieht, kann heute eine ganz erstaunliche Vielfalt von christlichen Lebensformen finden, in denen die Kirche von morgen schon recht deutlich mitten unter uns ist. ...

Ich habe ... oft gesagt, ... wir haben zuviel Bürokratie. Insofern werden Vereinfachungen auf jeden Fall notwendig sein. Es darf nicht alles über Gremien laufen, es muss auch immer wieder die persönliche Begegnung geben. Und es kann auch nicht alles rational bewältigt werden. So sehr das Christentum auf die Vernunft Anspruch erhebt und zu ihr sprechen will, gibt es die vielen anderen Dimensionen der Wahrnehmung von Wirklichkeit, die wir auch brauchen. ... Es gibt ein bekanntes Wort von Karl Rahner, „der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein oder er wird nicht sein“. Solche großen Ansprüche würde ich nicht stellen, denn die Menschen bleiben immer gleich. Wir bleiben immer auch gleich schwach, wir werden also nicht alle zu Mystikern werden. Aber richtig daran ist, daß das Christentum zum Ersticken verurteilt sein würde, wenn wir nicht etwas von Verinnerlichung erfahren, in der der Glaube persönlich in die Tiefe des eigenen Lebens hinabsinkt und in ihr mich trägt und erleuchtet. Bloße Aktion und bloß intellektuelle Konstruktion reichen nicht aus. Besinnung auf Einfachheit und auf Innerlichkeit und auf die außer- und überrationalen Wahrnehmungsformen von Realität ist sehr wichtig. ...

Ich habe einmal geschrieben, das Christentum ist immer zugleich Senfkorn und Baum, es ist immer gleichzeitig Karfreitag und Ostern. Der Karfreitag ist nie einfach hinter uns, der ist immer da, und die Kirche ist nie ein fertig ausgewachsener Baum, dann würde sie nämlich auch irgendwann vertrocknen und aufhören, sondern sie ist immer wieder auch in der Senfkorn-Situation. ... Die Aufgabe, ganz aus Freiheit und in Freiheit zu glauben und im Zeugnis gegen eine marode Welt zu glauben, trägt auch neue Hoffnungen, neue Möglichkeiten eines christlichen Ausdrucks in sich. Gerade ein Zeitalter eines quantitativ reduzierten Christentums kann eine neue Lebendigkeit dieses bewussteren Christentums hervorbringen. Insofern steht wohl auch eine neue Art von christlichem Zeitalter vor uns. Ich wage nicht, hier Zeitprophezeiungen zu geben, ob das langsam oder schnell gehen kann. Was ich aber wirklich unterstreiche: Es gibt im Christentum immer den neuen Anfang. Solche Anfänge gibt es jetzt schon und wird es weiter geben. Und sie werden neue kraftvolle Lebensgestalten des Christlichen hervorbringen.

aus: J. RATZINGER, Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende. Ein Gespräch mit Peter Seewald, Stuttgart 1996, hier 281-284, 286.


5. Feriensonntag, 22./23. Juli 2006


Joseph Ratzinger, Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Bonn (1959-1963), offizieller Konzilstheologe (Peritus) des Zweiten Vaticanums (1962-1965)

Freimut und Gehorsam

Wie also soll der Christenmensch sich verhalten zu der geschichtlich lebenden Kirche – kritisch (um der Lauterkeit der Kirche willen), fraglos gehorchend (ihrer göttlichen Sendung wegen) oder wie sonst? Man möchte ganz einfach sagen: Er soll sie lieben, die Kirche – alles andere folgt aus der Logik der Liebe selbst. „Dilige et quod vis, fac“ [«Liebe und tu, was du willst», Augustinus], das gilt auch hier. Aber obgleich in der Tat über diese Regel im Grunde nicht hinauszugehen ist und die Entscheidung, ob nun das Reden oder das Schweigen, das Hinnehmen ohne Murren oder das gläubig-eifernde Mitringen um den Weg der Kirche in der Zeit das Bessere sei, allemal letztlich nur von dem sicheren Grund der Liebe zur Kirche her gefunden werden kann, möchte der Theologe doch gern ein wenig Genaueres wissen... .

Erstens: Der Christ weiß, daß in der Kirche der Ruf der Propheten in einer die prophetische Perspektive wunderbar überbietenden und verwandelnden Weise zum Sieg gekommen ist – ... durch die freie Güte Gottes. ... Er weiß, daß die Endgültigkeit des neuen Gottesvolkes der Kirche nicht auf einem menschlichen Leistungsstand beruht, sondern auf der durch kein menschliches Versagen mehr umzustoßenden göttlichen Huld. Insofern erkennt er in der Kirche die Endgültigkeit der göttlichen Verheißung und zugleich den Ort, wo er zum Gehorsam gerufen ist. Das setzt seiner Kritik und seinem Protestieren eine unübersteigbare Grenze. ... Es ist klar, daß auf diese Weise der Gehorsam ... auch eine zweite Pflicht in sich trägt: die Pflicht des Zeugnisses, die Pflicht, um die Lauterkeit der Kirche zu ringen, gegen das „Babylon“ in der Kirche zu kämpfen, das es nicht nur bei den Laien, nicht nur bei den einzelnen Christen, sondern bis hinauf in das eigentliche Zentrum des Kircheseins der Kirche gibt... . Und es ist klar: Dieses Zeugnis wird gerade auch in der Kirche ein Zeugnis des Leidens sein, das Verkanntwerden, Verdächtigung, ja Verurteilung einschließen kann. ... Was der Kirche von heute (und zu allen Zeiten) not tut, das sind nicht die Lobredner des Bestehenden, sondern die Menschen, in denen die Demut und der Gehorsam nicht geringer sind als die Leidenschaft für die Wahrheit, die Menschen, die Zeugnis geben aller möglichen Verkennung und Anfechtung zum Trotz, die Menschen mit einem Wort, die die Kirche mehr lieben als die Bequemlichkeit und Unangefochtenheit ihres eigenen Schicksals.

Zweitens: Man kann das Ganze aber auch von einem mehr moralischen Gesichtspunkt aus betrachten. Wer sich zu einem kritischen Zeugnis gedrängt fühlt, wird vorher eine Reihe von Gesichtspunkten zu bedenken haben. Er wird sich fragen müssen, ob er denn die nötige Gewissheit habe, die einen zu einer solchen Haltung legitimiert, und er wird diese Prüfung um so sorgfältiger vornehmen müssen, je höher die Sache, gegen die er sich wendet, in der Skala der theologischen Gewißheiten steht. ... Es ist klar, daß vor der eigentlichen Glaubensaussage als solcher jede Kritik erlischt, es ist ebenso klar, daß jede Aussage, die unterhalb davon liegt, grundsätzlich veränderlich und daher auch kritisierbar ist. Dennoch: Bevor ein Mensch auch einer der anderen Aussagen gegenüber „kritisch“ wird, wird er sich selbst gründlich und hart in die Kritik nehmen lassen müssen, und gewiss ist es in einer Zeit des Relativismus, des Skeptizismus und der selbstherrlichen Meinungen für den Menschen höchst heilsam, daß es eine Stelle gibt, die ihn nicht zur Diskussion, sondern in die Haltung des Hörens und des Gehorchens ruft. ...
Aber andererseits gilt ... doch auch dieses: Es gibt ein Eigenrecht der Wahrheit gegenüber der Liebe, und es gibt eine Überordnung der Wahrheit über die Nützlichkeit... . Wenn mit der Wahrheit jeweils gewartet werden müsste, bis sie nicht mehr missverstanden und missbraucht werden kann, dann dürfte sie nie laut werden. Die angegebenen Begrenzungen dürfen also nicht dahin führen, am Ende das prophetische Element in der Kirche überhaupt zum Schweigen zu verurteilen. ...

Man wird gegenwärtig der Kirche nicht mehr ... vorhalten können, daß sie ... Verwilderung und Ungeheuerlichkeit zeige... . Auch kaum, „daß heute der Kirchenwagen nicht mehr nach vorn, sondern nach hinten“ läuft, „da die Pferde rückwärts laufen ihn nach hinten ziehen“ [H. U. V. BALTHASAR, Casta meretrix, in: Sponsa verbi, Einsiedeln 1961, 205]. Aber muss man ihr nicht vorwerfen, daß sie in einem Zuviel an Sorge mitunter zuviel verlautbart, zuviel normiert, daß so manche Normen wohl eher dazu beigetragen haben, das Jahrhundert dem Unglauben zu überlassen, als es davor zu retten, daß sie mit anderen Worten mitunter zuwenig Vertrauen in die sieghafte Kraft der Wahrheit setzt, die im Glauben lebt; daß sie sich hinter äußeren Sicherheiten verschanzt, anstatt der Wahrheit zu vertrauen, die in der Freiheit lebt und solche Behütungen gar nicht nötig hat? Vielleicht sollten wir uns heute wieder mehr daran erinnern, daß der Freimut eine der im Neuen Testament am meisten genannten Grundhaltungen des Christenmenschen ist. Der Freimut war es, der den Petrus vor die Juden hintreten und predigen ließ (Apg 2,29; 4,13.29.31); er steht so am Ursprung der Kirche überhaupt. Was müßte es für den Weg der Kirche in der Welt bedeuten, wenn in dem Jahrhundert, das nach Freiheit dürstet, das um des Scheins der Freiheit willen von der Kirche ausgezogen ist, das Wort in ihr wieder zu voller Lebendigkeit, ja Sichtbarkeit reifen würde, in das einst der heilige Paulus die kostbare Erfahrung seines Glaubens gegossen hat: „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2 Kor 3, 17).

aus: J. RATZINGER, Freimut und Gehorsam. Das Verhältnis des Christen zu seiner Kirche, in: DERS., Das neue Volk Gottes, Düsseldorf 1970, hier 249-266.


4. Feriensonntag, 15./16. Juli 2006


Joseph Kardinal Ratzinger, Erzbischof von München und Freising (1977-1981)

Wandelbares und Unwandelbares in der Kirche

Daß es Wandelbares in der Kirche gibt, liegt von der Erfahrung her auf der Hand; umgekehrt: Wenn es nicht auch ... das Unwandelbare ... in ihr ... gäbe, hätte es keinen Sinn, über die Zeiten hin das gleiche Wort „Kirche“ anzuwenden, weil ja dann die Identität fehlen würde, die überhaupt das Wandelbare zusammenhält. ... Gerade in einer Zeit, in der der Streit um rechtmäßigen und unrechtmäßigen Wandel, um die Identität der Kirche und ihre Grenzen längst kein akademisches Problem mehr ist, sondern eine vitale Frage auch des ganz einfachen Christen, wird die Suche nach Maßstäben zwingend, an denen sich ablesen lässt, wo da die Grenzen verlaufen. ... Es muss in diesem Zusammenhang denkwürdig bleiben, daß z. B. Luther seine Katechismen nicht von einem reflektierten Begründungssystem her aufgebaut hat, sondern ganz schlicht von dem her, was man ... die Hauptfundstätten des Glaubens nannte, die er nebeneinander stellte und erläuterte: die Zehn Gebote, das Vater-Unser, die Sakramente, das Glaubensbekenntnis. ... Zur christlichen Identität gehört das Bekenntnis der Kirche, d. h. das, was die Kirche über den Wechsel der theologischen Interpretationen hinaus als eigentliches Wort des Glaubens gekennzeichnet hat („Dogma“); zur christlichen Identität gehört im katholischen Sinn der ... Kernbestand des christlichen Gottesdienstes, d. h. die Sakramente und das im Vater-Unser exemplarisch formulierte Gottesverhältnis des Christen, das christliche Gebet; zur christlichen Identität gehört schließlich jener Grundbestand moralischer Erkenntnis, wie er im Anschluss an den Dekalog sowie an dessen Aufnahme in der Bergpredigt und in den apostolischen Ermahnungen durch die Kirche rezipiert worden ist. ...

In der Spannung zwischen Wandelbar und Unwandelbar werden wir allemal auf die Kirche stoßen. Sie ist einerseits das Wandelbare, von den sich wandelnden Generationen der Menschen die Zeiten hindurch geprägt. Aber sie muss doch in alledem „die Kirche“ bleiben und insofern nun doch auch das Subjekt sein, das den Wandel trägt und darin mit sich identisch bleibt. So ist sie in gewisser Hinsicht dem Menschen vergleichbar, den wir in physiologischer und psychologischer Messung nur als eine Abfolge von Zuständen feststellen können und der sich doch selber in alledem als der gleiche weiß. Wir müssen also fragen: Was konstituiert die Kirche als Subjekt? Wodurch ist sie, was sie ist? Wenn wir uns nun daran erinnern, daß den Gedanken der Kirche als eines im Wandel beständigen Subjektes schon Paulus formuliert hat, indem er sie einen „Leib“ (ein „Selbst“) nannte, können wir von ihm her auch die Antwort finden. Die Kirche wird aus einer ... Masse von Menschen zu einem Subjekt konstituiert durch den, den Paulus ihr Haupt nennt: Christus. Das bedeutet: Sie bleibt eine zusammenhängende Größe nur von ihm her. ... Sie ist Kirche dadurch, daß sie von ihm als Herrn sich gestalten lässt und sich an ihn zurückgibt. Sie hat ihr Subjektsein nicht aus sich, sondern durch das Gegenüber, das sie zum Subjekt macht. ... Zugewandtheit zu Christus kann praktisch nur heißen, daß die Kirche als Ganze wie in ihren einzelnen Gliedern zu Christus betet und mit ihm betet. Sie wird Kirche durch den Gottesdienst, in dem sie in das Gebet Jesu eintritt und so mit ihm in der Sphäre des Heiligen Geistes steht, zum Vater redet. Sie wird Kirche durch die Anbetung, und Anbetung ist, wenn sie von Christus her gedacht werden muss, trinitarisch. Die ist ihr eigentlicher Lebensnerv, ohne den der Lebensstrom in ihr aufhört. Dabei gibt es eine Wechselbeziehung: Nur das reale Mitbeten des einzelnen kann die Liturgie, den gemeinschaftlichen Gottesdienst beseelen. Nur dieser kann von seiner Vollmacht her das Gebet des einzelnen tragen und ihm Kraft geben. ... In dem christologisch verfassten Gottesdienst ist ... einerseits die Trinität und so das grundlegende Glaubensbekenntnis mit eingeschlossen; mit ihm ist andererseits die Direktheit jedes einzelnen zu Gott ausgesagt; in ihm sind die Sakramente mitgesetzt, denn sie sind ja der Ausdruck dafür, daß hier nicht nur Menschen tastende Vorstöße zur Transzendenz versuchen, sondern daß die andere Seite zu uns aufgebrochen ist und an uns handelt. Darin ist schließlich Nachfolge Christi, Eintreten in sein Tun gegeben – denn bei Christus ist das Wort ein Tun im höchsten Grad: Wenn er sagt: „Dies ist mein Leib“, so ist dies Vorwegnahme seines Todes und folglich radikalster Akt des Menschseins überhaupt, wie er nur von dem vollzogen werden konnte, der zugleich der Sohn ist. ...

Der Mensch lebt wirklich nicht vom Brot allein, und er kann auf das andere nicht warten, bis das Brot keine Probleme mehr bereitet. Es gibt mehr Realität, als wir in unserer westlichen Mentalität meist unter diesem Wort verstehen. Und das Eigentliche, das Bleibende des Christlichen, führt uns weit hinaus über das, was wir gewöhnlich Realität nennen. Gerade darauf beruht seine rettende Kraft.

aus: Communio 7 (1978) 182 – 185


3. Feriensonntag, 8./9. Juli 2006


Joseph Ratzinger, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Tübingen (1966-1969)

Glaube als Stehen und Verstehen

Indem ich das Begriffspaar Stehen – Verstehen demjenigen von Wissen – Machen gegenüberstelle, spiele ich auf ein letztlich unübersetzbares biblisches Grundwort über den Glauben an, dessen tiefsinniges Wortspiel Luther einzufangen versuchte in der Formel: „Gläubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“; wörtlicher könnte man übersetzen: „Wenn ihr nicht glaubt..., dann werdet ihr keinen Halt haben“ (Jes 7,9). ... Das Glauben an Gott erscheint so als ein Sicheinhalten bei Gott, durch das der Mensch einen festen Halt für sein Leben gewinnt. Glaube ist damit beschrieben als ein Standfassen, als ein vertrauendes Sichstellen auf den Boden des Wortes Gottes. ... Stehen, wie es im Hebräischen als Inhalt des Glaubens angegeben wird, hat durchaus auch mit Verstehen etwas zu tun. ... Glaube... ist wesentlich das Sichanvertrauen an das Nicht-Selbstgemachte und niemals Machbare, das gerade so all unser Machen trägt und ermöglicht.

Glauben in dem Sinn, wie ihn das Credo will, ist nicht ein unfertige Form des Wissens, ein Meinen, das man dann in Machbarkeitswissen umsetzen könnte oder sollte. Er ist vielmehr eine von Wesen andere Form geistigen Verhaltens, die als etwas Selbständiges und Eigenes neben diesem steht, nicht rückführbar darauf und unableitbar davon. Denn der Glaube ist nicht dem Bereich der Machbarkeit und des Gemachten zugeordnet, obwohl er mit beiden zu tun hat, sondern dem Bereich der Grundentscheidungen, deren Beantwortung dem Menschen unausweichlich ist und die von Wesen her nur in einer Form geschehen kann. Diese Form aber nennen wir Glaube. Es scheint mir unerlässlich, dies in voller Deutlichkeit zu sehen: Jeder Mensch muss in irgendeiner Form zum Bereich der Grundentscheidungen Stellung beziehen, und kein Mensch kann das anders als in der Weise eines Glaubens tun. Es gibt einen Bezirk, der keine andere Antwort als die eines Glaubens zulässt, und gerade ihn kann kein Mensch ganz umgehen. Jeder Mensch muss auf irgendeine Art „glauben“. ...

Glauben... ist die nicht auf Wissen reduzierbare ... Form des Standfassens des Menschen im Ganzen der Wirklichkeit, die Sinngebung, ohne die das Ganze des Menschen ortlos bliebe, die dem Rechnen und Handeln des Menschen vorausliegt und ohne die er letztlich auch nicht rechnen und handeln könnte, weil er es nur kann im Ort eines Sinnes, der ihn trägt. Denn in der Tat: der Mensch lebt nicht vom Brot der Machbarkeit allein, er lebt als Mensch und gerade in dem Eigentlichen seines Menschseins vom Wort, von der Liebe, vom Sinn. Der Sinn ist das Brot, wovor der Mensch im Eigentlichen seines Menschseins besteht. ...

Christlich glauben bedeutet ja, sich anvertrauen dem Sinn, der mich und die Welt trägt; ihn als den festen Grund nehmen, auf dem ich furchtlos stehen kann. Etwas mehr in der Sprache der Tradition redend könnten wir sagen: Christlich glauben bedeutet unsere Existenz als Antwort verstehen auf das Wort, den Logos, der alle Dinge trägt und hält. Er bedeutet das Jasagen dazu, daß der Sinn, den wir nicht machen, sondern nur empfangen können, uns schon geschenkt ist, so daß wir ihn nur zu nehmen und uns ihm anzuvertrauen brauchen. Dementsprechend ist christlicher Glaube die Option dafür, daß das Empfangen dem Machen vorangeht... . Christlicher Glaube ... bedeutet die Option dafür, daß das Nichtzusehende wirklicher ist als das zu Sehende. Er ist das Bekenntnis zum Primat des Unsichtbaren als des eigentlich Wirklichen, das uns trägt und daher ermächtigt, mit gelöster Gelassenheit uns dem Sichtbaren zu stellen – in der Verantwortung vor dem Unsichtbaren als dem wahren Grund aller Dinge.

aus: J. RATZINGER, Einführung in das Christentum, München 1968. Das Buch ist aus Vorlesungen hervorgegangen, die Joseph Ratzinger im Sommer 1967 in Tübingen hielt.


2. Feriensonntag, 1./2. Juli 2006


Joseph Ratzinger, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Regensburg (1969-1977)

Wie wird die Kirche im Jahre 2000 aussehen?

Der Theologe ist kein Wahrsager. Er ist auch kein Futurologe, der aus den berechenbaren Faktoren der Gegenwart ein Kalkül auf die Zukunft anstellt. Sein Metier entzieht sich weitgehend der Berechnung ... Da Glaube und Kirche in jene Tiefen des Menschen hinabreichen, aus denen immer wieder das Schöpferisch-Neue, Unerwartete und Ungeplante hervortritt, bleibt ihre Zukunft uns auch im Zeitalter der Futurologie verborgen. ...

Seien wir also vorsichtig mit Prognosen. Noch immer gilt das Wort Augustins, der Mensch sei ein Abgrund; was daraus aufsteigt, vermag niemand im voraus zu überblicken. Und wer daran glaubt, daß die Kirche nicht nur durch den Abgrund Mensch bestimmt wird, sondern in den größeren, unendlichen Abgrund Gott hinabreicht, wird erst recht Grund haben, sich mit Vorankündigungen zurückzuhalten, deren naives Bescheid-wissen-Wollen doch nur Kundgabe geschichtlicher Ahnungslosigkeit sein könnte. ... Gerade in Zeiten vehementer geschichtlicher Erschütterungen, in denen alles Bisherige zu zerrinnen und völlig Neues sich zu öffnen scheint, braucht der Mensch die Besinnung auf die Geschichte, die ... ihn wieder einordnet in ein Geschehen, das sich nie wiederholt, aber auch nie seine Einheit und seinen Zusammenhang verliert. ... Auch der Rückblick gestattet keine Vorhersage der Zukunft, aber er beschränkt die Illusion des völlig Einmaligen und zeigt, daß es zwar nicht das gleiche, wohl aber Vergleichbares auch früher gegeben hat. In dem, was ungleich ist zwischen damals und heute, gründet die Ungewissheit unserer Aussagen und das Neue unserer Aufgaben, in dem was gleich ist, die Möglichkeit der Orientierung und der Korrektur. ...

Aus der Krise von heute wird auch dieses Mal eine Kirche morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. Sie wird viele der Bauten nicht mehr füllen können, die in der Hochkonjunktur geschaffen wurden. Sie wird mit der Zahl der Anhänger viele ihrer Privilegien in der Gesellschaft verlieren. Sie wird sich sehr viel stärker gegenüber bisher als Freiwilligkeitsgemeinschaft darstellen, die nur durch Entscheidung zugänglich wird. Sie wird als kleine Gemeinschaft sehr viel stärker die Initiative ihrer einzelnen Glieder beanspruchen. Sie wird auch gewiss neue Formen des Amtes kennen und bewährte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern weihen: In vielen kleineren Gemeinden bzw. in zusammengehörigen sozialen Gruppen wird die normale Seelsorge auf diese Weise erfüllt werden. Daneben wird der hauptamtliche Priester wie bisher unentbehrlich sein. Aber bei allen diesen Veränderungen, die man vermuten kann, wird die Kirche ihr Wesentliches von neuem und mit aller Entschiedenheit in dem finden, was immer ihre Mitte war: Im Glauben an den dreieinigen Gott, an Jesus Christus, den menschgewordenen Sohn Gottes, an den Beistand des Geistes, der bis zum Ende reicht. Sie wird in Glaube und Gebet wieder ihre eigentliche Mitte erkennen und die Sakramente wieder als Gottesdienst ... erfahren.

Es wird eine verinnerlichte Kirche sein, die nicht auf ihr politisches Mandat pocht und mit der Linken so wenig flirtet wie mit der Rechten. Sie wird es mühsam haben. Denn der Vorgang der Kristallisation und der Klärung wird ihr auch manche gute Kräfte kosten. Er wird sie arm machen, zu einer Kirche der Kleinen sie werden lassen. Der Vorgang wird um so schwerer sein, als sektiererische Engstirnigkeit genau so wird abgeschieden werden müssen wie großsprecherische Eigenwilligkeit. Man kann vorhersagen, daß dies alles Zeit brauchen wird. Der Prozess wird lang und mühsam sein ... Aber nach der Prüfung dieser Trennungen wird aus einer verinnerlichten und vereinfachten Kirche eine große Kraft strömen. Denn die Menschen einer ganz und gar geplanten Welt werden unsagbar einsam sein. Sie werden, wenn ihnen Gott ganz entschwunden ist, ihre volle, schreckliche Armut erfahren. Und sie werden dann die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken. Als eine Hoffnung, die sie angeht, als eine Antwort, nach der sie im verborgenen immer gefragt haben. So scheint mir gewiss zu sein, daß für die Kirche sehr schwere Zeiten bevorstehen. Ihre eigentliche Krise hat noch kaum begonnen. Man muss mit erheblichen Erschütterungen rechnen. Aber ich bin auch ganz sicher darüber, was am Ende bleiben wird: ... die Kirche des Glaubens. Sie wird wohl nie mehr in dem Maß die gesellschaftsbeherrschende Kraft sein, wie sie es bis vor kurzem war. Aber sie wird von neuem blühen und den Menschen als Heimat sichtbar werden, die ihnen Leben gibt und Hoffnung über den Tod hinaus.


aus: J. RATZINGER, Glaube und Zukunft, München 1970, 107-124. Ursprünglich ein Rundfunkvortrag für den Hessischen Rundfunk an Weihnachten 1969.


1. Feriensonntag, 24./25. Juni 2006


Joseph Kardinal Ratzinger, Erzbischof von München und Freising (1977-1981)

Was feiern wir am Sonntag?

Es war ungefähr im Jahre 110 nach Christi Geburt. Ignatius, Bischof von Antiochien, wurde zu Schiff von Syrien nach Rom gebracht, um dort den wilden Tieren vorgeworfen zu werden. Mit gefesselten Händen schrieb er auf dieser Fahrt sieben Briefe an die christlichen Gemeinden, die im Bereich seiner Reiseroute lagen. In einem dieser Briefe steht der Satz: „Wir feiern nicht mehr den Sabbat, sondern leben unter Beobachtung des Herrentages (des Sonntags), an dem auch unser Leben aufgegangen ist...“ (Magn 9,1). Die Christen werden hier förmlich als die Menschen beschrieben, die vom Sonntag her leben. Das Halten des Sonntags bestimmt ihren Lebensrhythmus, prägt ihre innere Lebensform. Am Sonntag ist ihr Leben aufgegangen; der Sonntag ist für sie sozusagen die Stelle im Gewebe der Zeit, an der man an das Leben selbst herankommt, einmal erfährt, was wirklich Leben heißt. Diese Erfahrung vom eigentlichen Leben trägt dann auch die Woche hindurch. Sie bleibt sozusagen der Grundton, der sich im Lärm der Woche durchhält und dessen Echo immer neu den Weg in die Lichtung, ins Helle finden lässt.

Die Christen sind die Menschen des Sonntags, sagt Ignatius. Was bedeutet das? ... Der eigentliche und erste Grund für die Sonntagsfeier besteht darin, daß an diesem Tag Christus von den Toten auferstanden ist. ... Die Feier des Sonntags ist demnach vor allem ein Bekenntnis zur Auferstehung. Sie ist ein Bekenntnis, daß Jesus lebt. Sie ist damit auch ein Bekenntnis, daß Gott lebt und dem Menschen Leben gibt über den Tod hinaus. Sie ist ein Bekenntnis, daß wir etwas zu hoffen haben. Sie ist ein Bekenntnis, dass die Liebe bleibt und darum ein Bekenntnis, daß es gut ist, zu leben.

Sehr früh haben sich die Christen gefragt: Warum hat der Herr gerade diesen Tag gewählt? Was wollte er damit sagen? Nach jüdischer Zählung war der Sonntag der erste Tag der Woche. Es war also der Tag der Weltschöpfung ..., das bedeutet also: Der Sonntag ist auch der Tag des Dankes für die Schöpfung. Das hat gerade in unserer technischen Welt eine besondere Bedeutung gewonnen. Die Schöpfung ist uns übergeben von Gott als unser Lebensraum, als Raum unserer Arbeit und unserer Muße, in dem wir das Lebensnotwendige und das Überflüssige finden, die Schönheit der Bilder und der Klänge, die der Mensch genauso braucht wie Nahrung und Kleidung. „Macht euch die Erde untertan“, hat Gott zum Menschen gesagt (Gen 1,28). Das bedeutet aber nicht: Beutet sie aus! Vergewaltigt sie! Sondern es bedeutet: Pflegt sie! Drückt ihr das Antlitz des Geistes auf! Entfaltet, was in ihr ist! So wird sie euch dienen und ihre eigene Bestimmung erfüllen. Das Wort „Kultur“ kommt aus der gleichen Wurzel wie das Wort Kult. Es schließt sowohl die Gesinnung des Pflegens wie die des Verehrens, der Ehrfurcht mit ein. Es bedeutet, die Dinge so zu pflegen, daß wir darin Gottes Schöpfung ehren und so Gott selbst verehren.

Jeder Sonntag ist demgemäß ein Fest der Schöpfung. Er ist immer auch Bekenntnis zum ersten Glaubensartikel: Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Er will uns daran erinnern, daß wir vor unserem Tun schon beschenkt sind mit der Gabe der Schöpfung. Er will in uns die Gesinnung der Dankbarkeit und der Ehrfurcht wecken. Vom Sonntag her leben bedeutet also auch von diesen Gesinnungen und von dieser Grundorientierung her die Arbeit in der Welt einzurichten. Das bedeutet die Bereitschaft zum Maßhalten im Benützen der Schöpfung ... Sonntäglich leben heißt unterwegs sein zu dieser Gesinnung; es bedeutet wirklich einen ganzen Lebensstil, den wir gerade als Christen in dieser Zeit mit neuer Entschiedenheit suchen müssen...

Der Sonntag ... ist ... der erste Tag der Schöpfungstag. Von einer anderen Sicht her konnte man auch sagen: Er ist nach dem siebten Tag, dem Sabbat, der achte Tag. Er ist der Tag, der nach der Weltwoche der Schöpfungszeit liegt; der Tag, der über unsere Zeit hinauswächst auf die neue Welt. Die Zahl 8 ist den Christen zum Symbol für die kommende Welt geworden. Sie haben z. B. die Taufkirchen in der Form des Achtecks gebaut, um anzudeuten, daß darin die Geburt für die neue Welt erfolgt, die mit der Auferstehung Christi begonnen hat. So feiern wir mit dem Sonntag auch unseren Glauben an die Wiederkunft des Herrn. Er ist nicht nur ein Tag des Dankes und der Rückschau, sondern vor allem auch ein Tag der Hoffnung – Aufbruch in die Zukunft hinein. In der Eucharistiefeier beginnt für uns schon immer die Wiederkunft Christi: Der Herr tritt zu uns herein durch die verschlossenen Türen unserer Angst wie damals am Ostermorgen zu den Jüngern (Joh 20,19). Christentum ist nicht eine Religion der Vergangenheit, sondern als Christen haben wir das Entscheidende noch vor uns.

Der Herr kommt, und wir gehen ihm entgegen. Wir haben etwas zu hoffen: das Reich Christi, das Reich Gottes. Wir können vertrauend der Zukunft entgegengehen; sie wird größer sein als die Vergangenheit. ... Christsein bedeutet so leben, daß wir auf dem Weg zu Christus sind. Nur so gehen wir wirklich vorwärts.


aus: Communio 11 (1982) 226 - 231, hier 226 ff.