Kirchenchor Liebfrauen unterwegs im Weserbergland

Auf eine Vier-Tages-Tour ins Weserbergland begab sich Mitte September 2010 der Kirchenchor Liebfrauen. Im Verlauf der von wohldosiertem Sonnenschein genau zum rechten Zeitpunkt begleiteten Reise hinterließ so manche touristische Attraktion bei der munteren Truppe bleibende Eindrücke. Von Adam und Eva über Hermann den Cherusker und Karl den Großen bis hin zum Deutschlandlied-Dichter Hoffmann von Fallersleben reichte das bunte Spektrum, ja selbst der spöttisch besungene Dr. Eisenbarth nebst Gattin begegnete den Reisenden in leibhaftiger Gestalt. Karolingische Dome, üppigst goldige Barockkirchen und malerisches Fachwerk der Weserrenaissance an Pader, Werra, Fulda und Weser, auch ein Fenster mit drei Hasen und heilige Gestalten wie Liborius oder Vitus fanden fachkundige Wertschätzung.

Los ging es am Donnerstag früh um kurz vor 7 Uhr, 45 Teilnehmer machten sich von Stenern und anschließend der Liebfrauenkirche auf den Weg. Trotz verkürzter Nachtruhe war die Reisegruppe bestens gelaunt - auch ein ausgedehnter Stau auf der völlig überfüllten A 3 konnte die gute Stimmung nicht trüben und gab so manchem die Gelegenheit, noch die eine oder andere Mütze Schlaf nachzuholen. Busfahrer Alfons, dem Chor bestens vertraut durch zahlreiche Chorfahrten, konnte jedoch mit Unterstützng seines Navis das allergrößte Chaos geschickt umfahren und so sicherstellen, daß man dennoch pünktlich zur Stadtführung im ostwestfälischen Paderborn ankam.

In weiser Voraussicht mit Regenschirmen bewaffnet und aufgeteilt in zwei Gruppen, die sich immer mal wieder zu gemeinsamem Gesang trafen, ging es dann zu Paderquellen und dem kürzesten Fluß Deutschlands, Kaiserpfalz und Dom, Adam-und-Eva-Haus, Jesuitenkirche und Rathaus. Ein erstklassiges Mittagsbuffet im Kolpinghotel Aspethera sorgte für erste Stärkung und wurde bereichert durch einen aufschlußreichen Vortrag der Leiterin des Hauses, das als Ausbildungshotel für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf neue und erfolgreiche Wege beschreitet.

Nach Stadtbummel und Kaffeetrinken hieß es dann zurück in den Bus, denn eigentliches Reiseziel war das überschaubare Dörfchen Blankenau, ein Ortsteil von Beverungen, direkt am Ufer der Weser gelegen, wo der Chor komfortable und freundliche Unterkunft im Landhotel Weserblick fand. Die Zimmer wurden bezogen - durchgehende Matratzen sorgten bei einzelnen Paaren für gänzlich ungewohnten Schwung im ehelichen Lager - und ein gutes Abendessen bildete die Grundlage für einen geselligen, feuchtfröhlichen Ausklang des Tages, bei dem auch ein Geburtstagsständchen für eine Mitreisende nicht fehlen durfte.

Die Dreiflüssestadt Hannoversch Münden, idyllisch gelegen an Werra, Fulda und Weser, war mit ihren zahlreichen aufwendig restaurierten Fachwerkhäusern Mittelpunkt des zweiten Tages. Kein geringerer als Dr. Johann Andreas Eisenbarth und seine stolze Frau Rosina führten die Sängerinnen und Sänger zu den Schönheiten der Stadt. Für allgemeine Heiterkeit sorgte die Demonstration überdimensionierten medizinhistorischen Instrumentariums an einer schwächelnden Sängerin, die sich eher unfreiwillig in der Patienten- oder besser Opferrolle wiederfand.

Nach einem gemütlichen Mittagessen in der Schloßschänke stand der Nachmittag für eine Stadterkundung in Eigenregie zur Verfügung. Eine kleine Gruppe zog es derweil magisch zum Eisenbarth-Grab in der entwidmeten, ehemals evangelischen Aegidienkirche, erst seit kurzem umgestaltet zum Café, durchgängig rotgetüncht und phantasievoll bis lästerlich dekoriert - wo man in nahezu blasphemischer Verwegenheit, leichte Berührungsängste geschickt überspielend, einen Cappuccino auf Partyhockern rund um den früheren Altar genoß.

Allerdings ließ die mutmaßliche Antwort des Himmels nicht lange auf sich warten. Nachdem just diese Gruppe den durchaus beschwerlichen Aufstieg bei Sonnenschein auf steilem, schmalem Pfad durch den Wald zum Aussichtsturm Tillyschanze bewältigt hatte, öffneten sich alle nur denkbaren himmlischen Schleusen und man saß über zwei lange Stunden dort oben fest ohne jegliche Chance auf Rückkehr. Nur der Kreativität des ebenfalls eingeschlossenen Kassierers Dieter war es zu verdanken, daß die Sünderlein mithilfe eines Großraumtaxis trockenen Fußes und auf die Minute pünktlich den Bus zur Rückfahrt erreichten - unter mitleidig-spöttischem Beifall des restlichen Chores. Wie nicht anders zu erwarten lachte anschließend natürlich wieder die Sonne, aber ein reichhaltiges Buffet im Hotel, gekrönt von einer wunderkerzengeschmückten Eistorte in einer Präsentation à la Traumschiff, entschädigte für die allzu feuchten Erlebnisse.

Am Samstag ging es dann zur Besichtigung der ehemaligen Benediktinerabtei Schloß Corvey. Die wechselvolle Geschichte des einstmals sehr bedeutenden karolingischen Klosters über Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit im Spannungfeld zwischen Kaiser und Papst, die fatalen Folgen des Dreißigjährigen Krieges, die Säkularisierung und schließlich der Übergang in Privatbesitz wurde von einer äußerst kompetenten Führerin auf hohem Niveau dargestellt, wobei auch Architektur und Baugeschichte nicht zu kurz kamen. Beeindruckend war die umfangreiche Fürstliche Bibliothek mit einem Bestand von 74.000 Bänden in hervorragendem Zustand, die nicht nur im 19. Jahrhundert den damaligen Bibliothekar Hoffmann von Fallersleben, sondern auch heute noch die aktuelle Forschung beschäftigt.

Nach einem schmackhaften Marktbuffet in der Corveyer Schloßgastronomie führte eine Schiffahrt auf der Weser bei strahlendem Sonnenschein hinüber nach Höxter. Abermals zeigte eine Stadtführung die sehenswerten Fachwerkbauten im Stil der Weserrenaissance in der Altstadt. Das herrliche Wetter lud dazu ein, unter freiem Himmel noch ein Eis zu genießen. Zur Mitfeier der Abendmesse ging es sodann mit dem Bus zurück nach Beverungen. In der dortigen St.-Johannes-Baptist-Kirche bereicherte ein spontan intoniertes "Ave Maria" die Liturgie, anerkennend quittiert durch den Applaus der einheimischen Gottesdienstbesucher. Mit dem Bus oder in kleiner Gruppe zu Fuß an der Weser entlang ging es zurück ins Hotel, wo wiederum ein Buffet, diesmal musikalisch garniert mit Musik und Tanz, für die womöglich noch fehlenden Pfunde sorgte.

Eine ungünstige Wetterprognose machte am Sonntag eine kurzfristige Umstellung des geplanten Programms erforderlich. Nach einem Abschiedsständchen am Hotel steuerte der Chor zunächst das berühmte geschichtsträchtige Hermannsdenkmal bei Detmold auf den Höhen des Teutoburger Waldes an. Während nach einem Gruppenfoto ein Teil der Reisenden den Aufstieg auf das Monument wagte und dafür mit einem phantastischen Rundblick belohnt wurde, machte es sich der Rest auf den Bänken rund um das Wahrzeichen gemütlich. Anschließend hielt die örtliche Gastronomie ein abermals leckeres Mittagessen bereit.

Die weitere Rückreise führte nach einer improvisierten Rundfahrt durch Bielefeld schließlich nach Emsbüren, wo man neben Kaffee und Kuchen auch die riesigen Gewächshäuser der Firma Emsflower bestaunen und so dem inzwischen ergiebig einsetzenden Regen ein Schnippchen schlagen konnte. Schlußendlich ging es danach aber zurück zur Liebfrauenkirche. Hier fand dann am Abend eine wie gewohnt aufs allerbeste organisierte, mit reichhaltigen kulturellen wie lukullischen Impressionen, fröhlicher Geselligkeit, netten Begegnungen, viel Gesang und ausgelassener Stimmung der Mitreisenden einhergehende Chorfahrt ihren Abschluß. Keiner der Teilnehmer dürfte anschließend Anzeichen von Mangelernährung mit daraus resultierendem Gewichtsverlust zu beklagen gehabt haben.

Fotos: Franz Altrogge, Reinhold Möllmann, Elisabeth Schapdick, Wolfgang Abshoff

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